München – Bei Margit Heitmeier hat in den vergangenen Tagen oft das Telefon geklingelt. Dran waren Studenten, Messearbeiter, Gastro-Angestellte – auf der Suche nach Arbeit. Denn während vielerorts die Wirtschaft stillsteht, geht sie auf den Feldern der Familie Heitmeier aus Altomünster im Kreis Dachau gerade richtig los. Die Spargelernte steht an – und als nächstes sind die Erdbeeren dran. „Nächste Woche geht es los beim Spargel“, sagt Heitmeier. Doch heuer ist bei der Ernte vieles anders als sonst.
20 polnische Arbeiter leben derzeit auf dem Bio-Hof der Heitmeiers. Sie sind gekommen, bevor Innenminister Horst Seehofer (CSU) am Mittwoch zur Eindämmung der Corona-Pandemie ein Einreiseverbot für Erntehelfer anordnete. „Eigentlich bräuchten wir noch etwa zwölf Leute mehr. Doch die können jetzt nicht mehr kommen“, sagt Margit Heitmeier. Für die anstehende Spargelernte sieht sie ihren Familienbetrieb noch halbwegs gerüstet. „Aber wenn rund um Ostern die Erdbeeren reif werden, brauchen wir noch mehr Leute. Das könnte eine Katastrophe werden.“ Ihr Albtraum-Szenario – trotz telefonischer Hilfsangebote: Kiloweise reife Beeren, die auf dem Feld verderben, weil niemand da ist zum Pflücken.
In ganz Deutschland sind viele Landwirte auf die Saisonarbeiter angewiesen. Im Jahr 2016 haben laut Statistischem Bundesamt deutschlandweit 286 300 Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft gearbeitet, 37 400 davon in Bayern. 95 Prozent dieser Arbeiter kommen laut Bauernverband aus dem Ausland, häufig aus Osteuropa. Sie pflanzen Salat, stechen Spargel, pflücken Erdbeeren, spannen Drähte auf den Hopfenfeldern. „Die Bauern tun im Moment alles dafür, damit die Lebensmittelversorgung gesichert ist“, sagt der Präsident des Bayerischen Bauernverbands, Walter Heidl. Doch was jetzt nicht angebaut werde, könne auch nicht geerntet werden. Deshalb sein Appell: „Herr Seehofer, nehmen Sie das pauschale Einreiseverbot zurück!“
Auch auf dem Milchmarkt sorgt die Corona-Krise für Turbulenzen. Während die Molkereien Mühe haben, die stark gestiegene Nachfrage in den Supermärkten zu bedienen, stottert der Export – und das Geschäft mit der Gastronomie ist nahezu vollständig eingebrochen. In den Supermärkten kaufen die Kunden derzeit die Regale mit haltbarer Milch, Sahne und Butter leer. Teilweise werde die dreifache Wochenmenge bestellt, heißt es bei Deutschlands größter Molkereigenossenschaft, dem Deutschen Milchkontor. Doch das Umschichten von großen Zehn-Liter-Milchtüten für die Gastronomie auf haushaltsübliche Größen stellt gerade kleine, spezialisierte Molkereien vor Probleme – ihnen fehlt der Maschinenpark, um kurzfristig umzustellen. Die Sorge der Milchbauern: Dass sich diese Verschiebungen negativ auf den Milchpreis auswirken.
Doch es gibt auch positive Nachrichten für die Landwirtschaft in diesen turbulenten Zeiten. Auch bei Hopfenbauer Matthias Geltermeier aus Niederthann (Kreis Pfaffenhofen) haben sich Freiwillige gemeldet. Seine Erntehelfer, die jetzt eigentlich die Drähte für die Hopfenpflanzen stecken sollten, waren kurz vor der Grenze aus Angst vor dem Virus wieder umgekehrt. Jetzt stehen in seinen Hopfengärten mehrere Schüler und Studenten der Fridays-for-Future-Bewegung, die ihre Hilfe angeboten haben.
„Die meisten von ihnen hatten noch nie was mit einer Hopfenpflanze am Hut“, sagt Geltermeier und lacht. „Aber ich war überrascht: Sie schlagen sich richtig gut und sind mit Feuereifer dabei.“ Eine Handvoll von ihnen hat er bereits mit Saisonarbeiter-Verträgen ausgestattet. Für 9,35 Euro die Stunde leisten sie nun einen Beitrag zur Sicherung der Hopfenernte – und räumen während der Arbeit mit gegenseitigen Vorurteilen auf. „Wir haben so gute Gespräche da draußen“, sagt Geltermeier, der von der Hilfsbereitschaft überwältigt ist. „Das zeigt: In der Not halten wir alle zusammen.“
Doch das Drahteinstecken und -spannen ist für die Hopfenbauern nur der erste Schritt. „Ab Mitte April brauchen wir noch mehr Helfer, um die Triebe anzuleiten. Wenn wir da genügend Leute finden, dann bin ich zuversichtlich, dass die Bierversorgung gesichert wird.“ Sein Appell – nicht nur für den Hopfengarten: „Jede Hand wird gebraucht.“
Wer mithelfen möchte
kann sich unter www.daslandhilft.de oder unter www.saisonarbeit-in-deutschland.de Kontakt mit Betrieben aufnehmen.