„Ich bin Mittenwalder durch und durch“

von Redaktion

INTERVIEW Ein Sozialdemokrat setzt sich bei der Stichwahl im tiefschwarzen Geigenbauort durch

Die Bürgermeister-Stichwahl in Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) endete am Sonntag mit einer kleinen Sensation: Enrico Corongiu (41), SPD-Gemeinderat und Sohn eines italienischen Gastarbeiters, entthronte den amtierenden Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU). Für die Christsozialen, die bei Landtagswahlen auch schon mal mehr als 70 Prozent abräumten, ist das bitter. Corongiu muss nun umsatteln und seinen Beruf als Dienststellenleiter der BRK-Rettungswache in Garmisch-Partenkirchen aufgeben. Stattdessen wird er sich hauptberuflich um die Anliegen der Bürger in der Geigenbaugemeinde mit 7500 Einwohnern kümmern. Ein Gespräch über das, was kommt.

Glückwunsch zum Wahlsieg, der ja überregional Aufmerksamkeit erzeugt hat. Erzählen Sie uns kurz Ihre Vita?

Ich bin Sohn eines italienischen Gastarbeiters. Mein Vater Gesuino kam in den 1960er-Jahren aus Sardinien nach München, wurde dann als Bauarbeiter nach Mittenwald geschickt. Er war beim Bau der Umgehungsstraße, der heutigen B2, eingesetzt. Später war er im Musikalienhandel tätig, bei der Firma Gewa, die Musikinstrumente herstellt.

Und Sie? Sind Sie Mittenwalder, Italodeutscher oder wie sehen Sie sich?

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Wir haben eine große Familie in Sardinien. Aber ich bin im Partenkirchener Krankenhaus geboren, in Mittenwald in den Kindergarten und zur Schule gegangen. Ich würde sagen, dass ich durch und durch Mittenwalder bin. Ich habe nie woanders gelebt.

Im Mittenwalder Wahlkampf spielte der Streit um den Neubau eines Hallenbads eine große Rolle. Kann man sagen, dass die CSU bei der Wahl abgesoffen ist?

Na ja, sie haben ja immer noch ein beachtliches Ergebnis, neun von 20 Sitzen im Gemeinderat gehören der CSU. Wir SPDler haben unser Ergebnis verdoppelt, damit sind wir jetzt vier.

Darunter ist als Nachrückerin auch Ihre Frau Kerstin. Was werden Sie nun als Erstes anpacken?

Wir haben ein hübsches Wahlprogramm. Wir wollen zum Beispiel ein Konzept für ein Hallenbad, das ein Fachbüro erstellen soll, eventuell verknüpft mit einem Eisstadion. Aber jetzt steht alles unter Vorbehalt – die Corona-Krise. Wir wissen nicht, was genau auf uns zukommt. Sicher ist: Es wird Einnahmeverluste im Gemeindehaushalt geben. Die Einkommensteuerumlage war bisher unsere größte Einnahmequelle. Durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit wird diese wahrscheinlich schrumpfen. Auch die Gewerbesteuer- sowie die Fremdenverkehrs-Einnahmen werden sinken – schließlich lebt Mittenwald vom Fremdenverkehr, und der ist ja gerade nicht möglich. Die Gemeinden und Städte stehen vor riesen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Würde Sie eines Tages auch die überregionale Politik reizen?

2017 war ich für die SPD im Stimmkreis Bundestagskandidat, mit einem achtbaren Ergebnis, auch wenn es nicht für Berlin gereicht hat. Aber das hat Spaß gemacht. Jetzt aber ist die Gemeinde wichtig.

Das Gespräch führte Dirk Walter

Artikel 5 von 11