Anja Vogler-Matauschek lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Sauerlach (Kreis München). Für unsere Zeitung schreibt die 47-jährige Sozialpädagogin ein Tagebuch über das Familienleben mit Ehemann und drei Söhnen (18,16 und 13 Jahre) in Zeiten von Corona und Schulschließungen.
Dienstag, 24. März
Spontane Wandlungen sind wir bei unseren Jungs gewöhnt. Neuerdings allerdings nehmen wir eine erstaunliche musikalische Neigungsänderung wahr. Statt RIN oder Apache hallt jetzt immer öfter Restaurant- und Loungemusik durch unser Haus. Was hat das zu bedeuten? Gerade hatten wir uns an die Jugendsprache gewöhnt, jetzt so was! Verständnisvoll lassen wir uns von der Chill-Musik berieseln und freuen uns insgeheim, dass sich die Musik unseren Vorlieben annähert. Bam! Plötzlich hämmert es wieder wie gewohnt aus dem Lautsprecher. Alles beim Alten. Wir müssen uns keine Sorgen machen.
Mittwoch, 25. März
Es lebe der Sport! Nur wo und wie? Unsere Söhne frönen sonst täglich der körperlichen Betätigung und da alle Sportstätten geschlossen und alle Trainingszeiten abgesagt sind, bedeutet das für sie: der absolute Notstand. Nach kurzer Ratlosigkeit haben sie sich neue Indoor-Möglichkeiten gesucht. Für das Krafttraining stellen wir volle Wäschekörbe und Kisten mit Papiermüll zur Verfügung. Aber trotzdem müssen sie mal raus. Unserer Erfahrung nach hält ihre Altersgruppe nicht viel vom Joggen – zu monoton oder eher was für Ü30. Zum Glück hat der Trainer den Trainingsplan geschickt – und jetzt kann die sportliche Aktivität wieder nach draußen verlagert werden. Schön ausgepowert und voller Endorphine kehren die Athleten nach Hause zurück. Sofort wirft das bei unseren jungen Herren die Frage auf: „Und was ist mit euch? Was macht ihr eigentlich für Sport?“ Ertappt! Es hilft nichts, auch wir sollten was tun. Also breite ich die alte Yogamatte aus (von der ich nicht wusste, dass es sie noch gibt), denn unser Fitnesscenter wurde ja auch geschlossen. Als hätte ich es geahnt, habe ich mir im Januar passend zu den guten Neujahrsvorsätzen das Buch „Workout ohne Geräte“ gekauft. Hochunmotiviert schlage ich Seite 1 auf und führe unter den strengen Augen des Jugendtrainer-Trios die Übungen aus. Alles ist nicht gut genug, sie zeigen mir, wie ich das richtig machen soll, und zur Steigerung der Effizienz wird die Trainingseinheit in den „Plan“ mit aufgenommen. Völlig unerwartet habe ich nun also drei Personaltrainer und zwar gratis!
Außerdem vermisse ich seit gestern die Nudelzange. Wo ist sie?
Donnerstag, 26. März
„Wie läuft’s bei euch?“, schreibt meine Schwester. Auch wir haben nicht nur gute Tage. Wir spüren, dass jeder von uns ein anderes Bedürfnis von Nähe und Distanz hat. Family-Time ist eben nicht gleich Quality-Time. Wir versuchen, Rücksicht zu nehmen und tolerant zu sein. Irgendwie hat es sich so ergeben, dass wir am Ende des Tages zusammenkommen und einen gemeinsamen Tagesabschluss machen. Wir sind auf eine deutsche Comedyserie gestoßen, die das Humorverständnis der gesamten Altersspanne abdeckt und – welch ein Glück! – aus zehn Staffeln besteht. Der Abend auf der Couch fühlt sich wie Samstag an, was den Wunsch hervorruft, doch bitte immer Chips bereitzustellen. Ich argumentiere, dass der Trainingseffekt dann ja wieder dahin sei. „Wir verbrennen das alles“, lautet die Antwort. Kurze Zeit später höre ich den Müslispender rasseln.
Noch immer keine Spur von der Nudelzange.
Freitag, 27. März
Heute muss ich ins Büro fahren, ein paar Unterlagen holen. Auf dem Weg komme ich mir vor wie in meine Kindheit versetzt: Kaum Autos auf den Straßen. Diese Leere hat immer noch etwas Beklemmendes, Unwirkliches. Es ist, als hätte jemand die Pausen-Taste gedrückt. Auf dem Rückweg gehe ich einkaufen und probiere den Mundschutz aus. Es fühlt sich sehr befremdlich an, als ob ich mich verstecke. Im Geschäft allerdings macht sich doch ein kleines Gefühl von Sicherheit breit. Passend dazu erreicht mich die Bitte, Mundschutz fürs Krankenhaus zu nähen. Es gibt sogar eine Anleitung. Wie gut, dass ich noch alte Stoffe im Keller habe. Triumphierend sage ich: „Seht ihr, es lohnt sich also doch, manches alte Teil aufzuheben.“ Die Jungs schließen ihre Wochenpläne ab und sind froh, zwei Tage „frei“ zu haben. Normalerweise würden wir jetzt Pläne schmieden und Termine abgleichen. Jetzt darf jeder was für zu Hause vorschlagen.
Wochenende
Wir telefonieren mit den Großmüttern. Während es der einen wunderbar geht und sie rührig umeinander werkelt, verfällt die andere in Niedergeschlagenheit. Eine schwere Zeit für sie, denn sie lebt allein und fühlt sich isoliert. Nach dem Gespräch sind wir alle etwas traurig. Das ist der Moment, auf den ich schon gewartet habe: eine Chance zum Briefeschreiben. Ich packe euphorisch Berge von Karten aus, in der Hoffnung, der Funke springt über. Leider passiert das nicht. „Stellt euch vor, die Oma bekommt jeden Tag einen Brief, das würde sie doch freuen und aufheitern“, versuche ich zu motivieren. Na gut, der Oma zu Liebe schreiben wir – und es wird eine heitere Schreibstunde.
Montag, 30. März
Wir sprechen die Kochteams für die Woche ab. Die Jungs kommen gleich mit Alternativen: „Wir könnten doch mal was abholen und die lokale Gastronomie unterstützen“. Da können wir natürlich nicht Nein sagen. Heute macht die Küche also mal Pause. Von der Nudelzange fehlt sowieso immer noch jede Spur.