München – Das Kriegsende versetzte auch den Kardinal in Aufregung. Pasing und Aubing besetzt, „dann wieder sprechen die Kanonen“, notierte Michael von Faulhaber am 30. April 1945 über die letzten Kampfhandlungen in sein Tagebuch. Deutsche Truppen hätten sich „auf das rechte Ufer der Isar“ zurückgezogen. „Etwa 17.00 Uhr beten wir den Rosenkranz kniend.“ Und dann der nächste fast lapdiare Satz: „Am letzten April etwa 18.00 Uhr ist der Krieg zu Ende.“
Erleichtert war der damals 76-Jährige gewiss. Große Freude über das Ende des Zweiten Weltkriegs allerdings ist aus den Tagebüchern nicht herauszulesen. Vielmehr zieht sich durch die Tagebuchbände auch der Folgejahre großes Unbehagen über die Verwahrlosung von Sitten, über Flüchtlingsströme, plündernde Zwangsarbeiter und fraternisierende Frauen – „das Verhalten von manchen Frauen und Mädchen ist schandvoll. Lassen sich Chokolade schenken“, notierte er schon am 7. Mai 1945.
Nun haben das Institut für Zeitgeschichte München und das Seminar für Kirchengeschichte Münster nach den Bänden 1945 und 1946 auch die Tagebücher des Jahres 1947 in einer Online-Edition veröffentlicht (www.faulhaber-edition.de) – und auch hier bricht sich der über die Zeitläufte erschütterte Faulhaber Bahn.
Gleich zu Anfang des Jahres friert Bayern ein: eine Kältewelle mit bis minus 25 Grad. Faulhaber schaudert: „Fenster trotz Heizung hoch hinauf gefroren.“ Dann empfängt er den Präsidenten der Landespolizei, der auch wenig Erbauliches berichtet: „Die Criminalität (so im Original – Anm. d. Red.) nimmt furchtbar zu.“ Immerhin wolle die Polizei aber „durchgreifen“. Dann verstören ihn Pläne der amerikanischen Besatzungsmacht für eine umfassende Bodenreform, wodurch auch Kirchengrundstücke in Gefahr geraten. Auch fürchtet er, die Amerikaner würden die Bekenntnisschule abschaffen – also die rein nach Konfessionen getrennten Schulen.
Äußerst kritisch sieht Faulhaber den Zuzug der Vertriebenen aus den vormals deutschen Ostgebieten. Er trifft am 15. September 1947 Hans Luther, in der Weimarer Republik Reichskanzler, zu einer Unterredung. Beide sind sich einig, eine „geschlossene Auswanderung der Flüchtlinge inclusive Eingeborener ins Ausland, Canada zunächst, unter kirchlicher Führung“ anzustreben. Denn „es wäre unmöglich“, so schreibt der Kardinal, „bei dieser Übervölkerung wieder in die Höhe zu kommen“. An anderer Stelle mokiert sich der Kardinal über die „Tanzwut der Flüchtlingsjugend“.
Mit abschätzigen Urteilen gegen die Vertriebenen – geschätzt 1,9 Millionen kamen bis 1950 nach Bayern – stand Faulhaber beileibe nicht allein. In zahlreichen Erinnerungsberichten kann man die Missstimmung zwischen den Einheimischen und den Zuzüglern nachlesen. Mancherorts wurden eilig Glühbirnen abgeschraubt oder Öfen rausgeschafft, bevor eine Flüchtlingsfamilie zwangsweise einquartiert wurde. Andererseits leistete Faulhaber wohl praktische Hilfe: Er spendete auch an die Flüchtlingsfürsorge, wie aus einer Eintragung am 17. Mai hervorgeht. Und er empfing den Staatskommissar für das Flüchtlingswesen, Wolfgang Jaenicke, zur längeren Unterredung – leider verschweigt Faulhaber im Tagebuch, worum es dabei ging.
Faulhaber war Ende des Jahres 1947 schon 78 Jahre alt. Je mehr man in den Tagebüchern liest, desto mehr merkt man: Er litt an der Welt – im Kleinen wie im Großen. Überall lauerten Gefahren, und er sah sogar Vorzeichen für einen neuen Weltkrieg. Mehr und mehr machten sich auch körperliche Leiden bemerkbar. Ein Arzt, Walter Taler, dem Faulhaber im Tagebuch den Spitznamen „Dreimärker“ verpasst, spritzte ihm regelmäßig Hormone und Strophantin, ein Herzmittel. Wann immer ein Arztbesuch drohte, Faulhaber notierte es.
In Angelegenheiten der Kirche blieb er „kämpferisch und unbeugsam“, resümiert der Historiker Peer Volkmann, einer der Editoren des Großprojekts, das insgesamt 42 Jahrgänge Tagebuch umfasst. Aber es hatte sich bei ihm ein pessimistischer Grundton eingeschlichen, der „seinem Alter, den Herausforderungen der Nachkriegszeit und sicherlich auch seinem gesundheitlichen Zustand geschuldet war“.
Leiden an der Welt – und an sich. Im Auto nach Schwabing – „Zahnbehandlung bei Schneegestöber“, hieß es am 29. Dezember 1947 im Tagebuch. Auch das noch.
Literaturtipp
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