München – Für Andreas Czerny verlaufen die Tage gerade alle ähnlich. Ähnlich sorgenvoll. Als Geschäftsführer der AWO Bayern ist er ständig in Video- und Telefonkonferenzen mit den Leitern der AWO-Pflegeheime. „Es vergeht kein Tag mehr ohne Todesmeldungen“, sagt er. In Oberbayern ist vor allem das Heim in Ismaning (Kreis München) betroffen. Dort sind an dem Coronavirus bereits zwei Menschen gestorben, elf Bewohner und zehn Pflegekräfte sind infiziert. Doch auch in vielen anderen Senioren- und Pflegeeinrichtungen spitzt sich die Lage trotz aller Vorsichtsmaßnahmen immer weiter zu.
Das bayerische Gesundheitsministerium hat nun eine Handlungsanweisung für Alten- und Pflegeheime, stationäre Einrichtungen und ambulante Dienste erlassen. Sie sollen Pandemiebeauftragte ernennen, die im Falle einer Infektion die Koordination übernehmen. Gesundheitsministerin Melanie Huml betont außerdem: „Bereits bei dem Verdacht auf eine übertragbare Erkrankung müssen geeignete Präventions- und Schutzmaßnahmen eingeleitet werden.“ Um Infektionsketten rasch zu unterbinden, sieht das Konzept vor, betroffene Bewohner umgehend zu isolieren.
Andreas Czerny hatte statt einer Handlungsanweisung auf mehr Unterstützung bei der Beschaffung von Schutzausrüstung für die Pflegeheime gehofft – die fordert die AWO bereits seit Wochen vergebens. „Es ist uns aktuell schlichtweg nicht möglich, diese Anweisungen umzusetzen.“ Denn in den meisten Einrichtungen gibt es nicht mehr ausreichend Schutzmasken, -brillen, -kittel und Desinfektionsmittel. Selbst in den Einrichtungen, in denen es bereits Todesfälle und Infizierte gibt, müssen die Pflegekräfte mittlerweile nahezu ohne Schutzausrüstung arbeiten, berichtet er. Teilweise müssten Einweg-Schutzmasken gewaschen und mehrfach verwendet werden. „Das ist erschreckend – aber aktuell die Realität in einigen Einrichtungen.“ Es zu leugnen wäre Schönfärberei, betont Czerny und fordert das Gesundheitsministerium auf, den Ernst der Lage zu erkennen und zu reagieren. Denn für die AWO sei es schwer, auf dem Markt Schutzausrüstung zu erhalten. Die Caritas steht vor demselben Problem. „Die Lage ist ernst“, sagt Sprecher Tobias Utters. Aus einigen Pflege- und Behinderteneinrichtungen hätten den Landesverband bereits Hilferufe erreicht, berichtet er. „Viele nähen die Masken inzwischen selbst.“ Auf dem Markt sei einfach nichts mehr zu bekommen, betont auch er. Oder nur noch minderwertige Produkte zu hohen Preisen. „Wir sehen, dass sich Behörden und Politik um Nachschub bemühen“, sagt Utters. „Aber wir brauchen die Ausrüstung jetzt und nicht erst in zwei Wochen.“ Das Gesundheitsministerium betont, alle Beteiligten würden aktuell mit Hochdruck daran arbeiten, die erforderliche Schutzkleidung zu beschaffen – auch für Pflegeheime.
Die Wohlfahrtsverbände fühlen sich in der Corona-Krise im Stich gelassen. Es sei ein strategischer Fehler gewesen, dass die Pflegeheime und ambulanten Dienste bei der Materialversorgung nur an zweite Stelle gesetzt worden seien, betont Cerny. „Ohne Ausrüstung können wir die Menschen nicht vor dem Virus schützen – und dann müssen sie in die Krankenhäuser verlegt werden.“ Er glaubt, dass nach Niedersachsen auch Bayern früher oder später einen Aufnahmestopp für die Heime anordnen muss. „Ohne wird es bald nicht mehr gehen.“
Die SPD-Pflegeexpertin Heike Baehrens hält einen generellen Aufnahmestopp für problematisch. Es handle sich schließlich um einen Personenkreis, der sehr verletzlich ist und besondere Schutzbedingungen brauche. Auch Baehrens fordert aber einen besseren Schutz der Pflegeeinrichtungen gegen das Virus. Die Einrichtungen wären bei der Verteilung der Schutzkleidung zu wenig in den Blick genommen worden, betont sie.