München – Schon seit Monaten sitzt Franziska Gschrei täglich am Schreibtisch und büffelt: „Im November habe ich angefangen zu lernen und seit Februar bereite ich mich Vollzeit auf die Prüfung vor“, sagt die Tutzingerin (Kreis Starnberg), die in Regensburg im elften Semester Medizin studiert. Sie steht kurz vor dem schriftlichen Staatsexamen, eigentlich sollten die Prüfungen am 15. April starten. Doch noch immer weiß die Studentin nicht, ob das Examen stattfindet oder wegen der CoronaKrise ausfällt. „Das Schlimmste ist die Unsicherheit“, sagt sie. „Wir bekommen keine klaren Anweisungen, es ist für uns sehr belastend.“
Doch das ist nicht die einzige Sorge, die sie und ihre Kommilitonen gerade haben. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland schlägt Alarm, dass den Studenten ein „Hammer-Examen“, Ungerechtigkeiten beim Praktischen Jahr sowie eine schlechtere Ausbildung drohten. Sie wehrt sich deshalb gegen einen Entwurf zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte.
„Es ist selbstverständlich für uns, dass wir in der Corona-Krise mitanpacken und uns miteinbringen“, betont Gschrei. „Aber wir brauchen Planungssicherheit.“ Sie kritisiert, dass zur Debatte steht, das schriftliche Examen im Frühling 2021 nach dem Praktischen Jahr nachzuholen. Denn dann würden das schriftliche und das mündliche Examen unmittelbar aufeinander folgen. „Wir hätten nur sechs Wochen Lernzeit für die schriftlichen Prüfungen“, sagt Gschrei. „Normal sind 100 bis 120 Tage.“
Einigen Kandidaten bliebe womöglich sogar noch weniger Zeit. Denn im Praktischen Jahr dürfen die Studenten nur 30 Fehltage haben. „Wer sie überschreitet, muss in der Vorbereitungszeit nacharbeiten“, erklärt Gschrei. Zu den 30 Tagen zählen Urlaubstage, Krankheitstage, Lerntage für die mündliche Prüfung und – dem Entwurf zufolge – auch Quarantänetage wegen eines Corona-Verdachts. „Die Gefahr steigt, dass jemand krank in die Arbeit kommt oder sich nicht testen lässt“, sagt Gschrei. Sie kennt außerdem Studienkollegen, die überlegen, das Praktische Jahr zu verschieben und stattdessen erst an ihrer Doktorarbeit arbeiten oder sich kurzfristig in einem Krankenhaus anstellen lassen.
Denn die Studenten befürchten außerdem eine schlechtere Ausbildung in den Corona-Zeiten. Normalerweise machen sie im Praktischen Jahr Station in der Chirurgie, der Inneren Medizin und einem Wunschbereich. Letzterer soll jetzt wegfallen, um mehr Personal für die Corona-Patienten zu haben. Franziska Greisch hatte sich eigentlich für die Psychiatrie entschieden, doch das ist jetzt wahrscheinlich nicht mehr möglich. „Normalerweise konnte man den Bereich näher kennenlernen, in dem man es sich vorstellen kann, später zu arbeiten“, sagt sie. „So konnte man gleich erste Kontakte knüpfen.“
Die Bundesvertretung der Medizinstudenten regt an, statt des Wahlbereichs besser die Zeit in der Chirurgie einzuschränken. Das könnte sich auch Gschrei vorstellen: „Alle nicht unbedingt notwendigen Operationen sind ja sowieso abgesagt.“
Sie wünscht sich auch mehr Wertschätzung für die Studenten während des Praxisjahres. In Regensburg wird sie ein Gehalt von 2,80 Euro pro Arbeitsstunde erhalten. „In München gibt es null Euro“ , berichtet sie. „Die Studenten arbeiten als unbezahlte Vollzeitkräfte.“ Hinzu käme, dass viele Studenten finanzielle und logistische Probleme hätten, weil das Praxisjahr kurzfristig vier Wochen früher beginnt.
Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden fordert deshalb in einer Internet-Petition unter anderem eine Aufenthaltsentschädigung in Höhe des BAföG-Höchstsatzes, die Gewährung von Krankheitstagen im Praktischen Jahr und eine faire Lösung, falls das schriftliche Examen ausfallen sollte. Die Organisation schlägt vor, es ersatzlos zu streichen und stattdessen die Studienleistungen aus dem klinischen Studienabschnitt anzuerkennen. Sollte das nicht möglich sein, müsse zumindest die Lernzeit verlängert werden.
Darauf hofft auch Franziska Gschrei. Noch büffelt sie weiter: „Mir persönlich wäre es am liebsten, die Prüfung jetzt schreiben zu können“, sagt sie. „Aber ich denke, das ist nicht möglich.“