„Bahnfahren ist wirklich sicher“

von Redaktion

INTERVIEW Verkehrsministerin Schreyer verteidigt Zugreduzierungen in Zeiten von Corona

Weniger Fahrgäste – weniger Züge. In der Corona-Krise hat Bayern den Fahrplan eingedampft. Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) sagt im Interview, warum sie dies tat.

Frau Schreyer, sind Sie kürzlich mal mit dem Zug gefahren?

Das nicht, aber am Freitag habe ich mir zusammen mit Bahnchef Klaus-Dieter Josel die Situation am Münchner Hauptbahnhof angeschaut.

Ihr Eindruck?

Die Züge sind tagsüber weitgehend leer. Im Regionalzug nach Ingolstadt saßen gerade einmal zehn Reisende. Zehn! Die Menschen fahren weniger, aber wir brauchen stabile Verbindungen und die können wir auch gewährleisten. Die Grundversorgung muss gesichert sein, gerade für den Pendlerverkehr. Die Menschen müssen gut und gesund ankommen.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft hat angekündigt, das Angebot weiter zu reduzieren. S-Bahnen fahren jetzt nach dem Samstags-Fahrplan. Auf was muss sich der Fahrgast einstellen?

Es stimmt, wo es möglich ist, nehmen wir Fahrten raus, es fahren ja insgesamt viel weniger Menschen mit dem Zug. Uns ist aber wichtig, dass die Stabilität da ist. Der Fahrgast muss wissen, dass sein Zug fährt. Das muss auch gewährleistet sein, wenn Lokführer oder Zugpersonal plötzlich erkranken. Daher haben wir die Fahrten reduziert und eine Art Personalreserve verfügbar.

Viele haben Angst, sich noch in den Zug zu setzen. Ist das unbegründet?

Nein, Bahnfahren ist wirklich sicher. Es wird mehr gereinigt, es wird mehr desinfiziert. Das Personal kann im Notfall Mundschutz verteilen. Was wir nicht können: Jedem Manieren beibringen. Etwa, dass man in den Ärmel niest. Da appellieren wir natürlich an die Fahrgäste. Jeder ist gefordert. Fahrgäste sollten sich im Zug verteilen, nicht im Pulk einsteigen, sondern Abstände einhalten.

Wird die S-Bahn die Zuglängen verkürzen?

Aktuell sehe ich das nicht. Sollte es sich zeigen, dass immer weniger Menschen fahren, dann muss man über die Zuglängen reden. Bis jetzt ist schon geplant, dass die bisherigen Längen beibehalten werden.

Der Bund will Rekordsummen in den Bahnausbau investieren, auch im Großraum München. Ist das jetzt durch die Corona-Krise in Gefahr?

Wir haben eine Ausnahmesituation, und da müssen wir durchkommen. Wir müssen sehen, wie wir die Wirtschaft danach wieder ankurbeln, aber auch, dass wir das, was wir vor der Krise aufgegleist haben, weiterhin gut hinbekommen. Beim Bahnausbau wird nicht gewackelt – da sehe ich keine Gefahr. Die Zweite Stammstrecke wird gebaut – die brauchen wir. Mir ist wichtig, dass wir auch die S-Bahn-Außenäste ertüchtigen. Geduld ist hier nicht meine Stärke. Das gehen wir beherzt an. Denn wir werden eine Zeit nach der Corona-Krise haben, in der die Menschen auch nicht so gedrängt in der S-Bahn stehen sollten wie es früher der Fall war.

Italien und Österreich haben die Bauarbeiten am Brennerbasistunnel eingestellt, der Zeitplan gerät ins Rutschen. Läuft es bei der Stammstrecke weiter?

Wir machen ungehindert weiter, alle Baustellen sind offen, nichts wird eingestellt, solange wir das Personal und das Material haben und das Infektionsrisiko gering ist.

Ein Blick zum Flughafen. Der Flugbetrieb läuft nur noch auf Sparflamme. Wird es nach der Corona-Krise wieder so sein wie früher?

Nach Corona werden wir uns über völlig andere Fragen unterhalten. Die Werte werden sich neu justieren. In dem überheizten Großraum München haben wir uns manche Luxusdebatte geleistet, jetzt sind wir gezwungen, uns zu erden und auf das Wesentliche zu schauen. Wie sich diese Verhaltensänderungen auf den Luftverkehr auswirken werden, kann ich Ihnen ehrlich gesagt nicht sagen. Wir sind schon froh, dass wir den Überblick für die nächsten Tage behalten. Sicher aber ist natürlich, dass es weiterhin viele Menschen geben wird, die wegen ihres Berufs und wegen ihres Urlaubs fliegen wollen oder müssen. Ansonsten gilt der Koalitionsvertrag, an den ich mich natürlich halte: Die Planungen für den Bau einer dritten Start- und Landebahn am Flughafen München werden während der aktuellen Legislaturperiode nicht weiterverfolgt.

Das Interview führte Dirk Walter

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