Anja Vogler-Matauschek lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Sauerlach (Kreis München). Für unsere Zeitung schreibt die 47-jährige Sozialpädagogin ein Tagebuch über das Familienleben mit Ehemann und drei Söhnen (18, 16 und 13 Jahre) in Zeiten von Corona und Schulschließungen.
Dienstag, 31. März
Beim Aufräumen haben die Jungs die alten Nintendos wiederentdeckt und spielen mit nostalgischer Hingabe. Ein Freund stellt leihweise ein drittes Gerät zur Verfügung und plötzlich sind alle drei Wettkampfteilnehmer bei den Olympischen Spielen in London 2012. Währenddessen sortiere ich die Zeitschriften aus und stolpere über ein angefangenes Kreuzworträtsel. Mein Mann und ich setzen uns dran, da klingelt das Telefon. „Oma, Du kommst uns wie gerufen!“, sage ich in den Hörer. Zufälligerweise lesen wir dieselbe Zeitschrift. Wir holen die Oma per Video ins Boot und rätseln gemeinsam über einen Nebenfluss der Warthe. Ohne es geplant zu haben, hat sich eine Möglichkeit aufgetan, die Oma einzubinden.
Mittwoch, 1. April
Endlich April! Alle warten auf Sonnenschein, aber ich hoffe, es kommen ein paar Regentage, denn: Ich will guten Gewissens bei Tageslicht auf der Couch sitzen und Socken stricken. Aber noch müssen die Nadeln warten, denn schließlich haben wir ja Homeoffice und Schule. Der Jüngste bangt, ob es wirklich keine Arbeitsaufträge über die Ferien geben wird. Sollte es so kommen, müssen wir uns wieder neu sortieren. Denn jetzt, nach drei Wochen, haben wir unseren Tagesrhythmus gut verinnerlicht. Klar ist aber auch, dass es für alle Eltern ein Segen ist, nicht länger Hauslehrer sein zu müssen. Bevor wir also möglicherweise auf „Standby“ gehen, noch schnell eine weitere Learning-by-doing-Einheit einbauen. Das Rücklicht ist defekt und glücklicherweise haben wir einen Fahranfänger im Haus, an den wir diesen Reparaturauftrag adressieren können. Eine perfekte Chance zur Weiterbildung! Mein Mann begleitet ihn als Supervisor, sicher ist sicher. Spontan gibt es einen kurzen Vater-Sohn-Lehrgang in Sachen Automechanik. Gut so, denn wenn nicht jetzt, wann dann ist Zeit dafür?
Donnerstag, 2. April
Eine Bekannte bittet mich, Einkäufe für Sie zu erledigen, da die gesamte Familie unter Quarantäne steht. Kein Problem mit Einkaufszettel. In jeder Krise steckt auch eine Chance, diese hier bringt uns näher zusammen – mit Abstand. Aber ringsherum steigt das Bedürfnis, sich zu sehen, WhatsApp und Telefonkonferenzen reichen nicht mehr aus. Überall tauchen neue Formate auf, beruflich und privat finden wir uns in „gotomeeting“ „Zoom“ und „housparty“ wieder. Unsere Rechner laufen auf Hochtouren und wir mit. Da brauch ich einen Ausgleich – wenigstens einmal am Tag. Ich lade die Familienmitglieder hochoffiziell zu einer Pilates-Stunde ein. Die Jungs verdrehen die Augen „Seniorengymnastik, ernsthaft?“, heißt es. Eine Teilnahme ist für sie nur denkbar mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad: Therabänder. Immerhin halten wir gemeinsam bis zum Ende durch.
Freitag, 3. April
Im Internet stoße ich auf ein „Survival-Kit für Männer unter Druck in Krisen“. Ich drucke es aus und hänge es unkommentiert an unsere Pinnwand. „Brauchen wir das?“, fragt der Jüngste und runzelt die Stirn. „Was glaubst Du?“, entgegne ich und schmunzle.
Wir blicken auf drei sehr intensive Wochen zurück. Für uns war es leicht. Wir haben keine kleinen Kinder mehr, die eine Menge Fürsorge und Zuspruch benötigen und die Eltern stark fordern. Wir haben Platz, uns auszuweichen, wenn wir merken, es wird zu nah. Vielleicht war uns auch bewusst, dass es womöglich das letzte Mal ist, dass wir als Familie so eng und so lang alle beisammen sind. Wir haben die Entschleunigung genossen – und die damit verbundene Chance für längere Gespräche. Wir konnten die Tage nutzen, uns Zeit füreinander zu nehmen. Dem gegenüber stand das Tempo, in dem sich die Schulen bemüht haben, die Unterlagen bereitzustellen. Nach unserem Erleben wurde das mit jeden Tag besser. Nicht nur wir, auch die Schulen sind gefordert, damit diese rasante Entwicklung erfolgreich verläuft.
Und jetzt stehen die Ferien vor der Tür, aber wir dahinter. Macht nichts, wir sind gesund, haben noch Ideen und einiges auf der To-do-Liste. Leider sind die Burschen aus dem Osterbastelalter heraus, aber mit einem Osterlammrezept kann ich sie vielleicht noch für eine Backstunde ködern. Heute Abend jedenfalls zelebrieren wir den Ferienstart mit einer Einladung der Oma zum Abendessen. Virtuell versteht sich. Die Oma muss sich leider selber auftischen, aber essen können wir dank Skype gemeinsam – und das zählt. Sollte uns in den nächsten zwei Wochen gar nichts mehr einfallen, machen wir ein Inhouse-GeoCaching. Das Motto: „Findet die Nudelzange!“