„Wir mussten Maß und Mitte finden“

von Redaktion

Digital-Unterricht: Lehrerverbands-Chef Meidinger zieht Bilanz

Drei Wochen lang haben die bayerischen Schüler nun von zu Hause aus gelernt – mit Aufgabenblättern, der Lernplattform Mebis, Chats und Videokonferenzen. Zum Start der Osterferien zieht Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, eine Bilanz.

Wie lief der digitale Unterricht?

Mebis war dem Ansturm anfangs nicht gewachsen, seit einigen Tagen aber läuft diese offizielle Lernplattform tadellos. Das liegt zum einen wohl daran, dass das Kultusministerium Server-Kapazitäten aufgestockt hat. Zum anderen sind viele Lehrer auch auf andere Systeme umgestiegen, zum Beispiel Microsoft Teams – damit sind sogar Videokonferenzen in Klassenstärke möglich, was bei Mebis nicht funktioniert. Auch WhatsApp-Klassenchats mit Lehrern erlebten eine Renaissance, obwohl das offiziell nicht gewünscht ist – aber als Schulleitung ist man froh, wenn die Kommunikation überhaupt funktioniert. An Grundschulen ist Mebis nicht so verbreitet. Hier läuft es eher über Elternportale und E-Mails.

Eltern klagten teilweise über zu viele Aufgaben. Zu Recht?

Anfangs fehlte es sicher vielfach an der nötigen Koordination. Mitunter wurde da auch des Guten zu viel getan. Und ja, es stimmt: Es gab teilweise geradezu ein Bombardement an Arbeitsaufträgen einschließlich der Wochenenden. Die Eltern kamen manchmal mit dem Ausdrucken nicht hinterher. Das hat sich jetzt viel besser eingespielt, es gibt deutlich mehr Abstimmung zwischen den Lehrern. Wir mussten auch erst Maß und Mitte finden.

Kann Digital-Unterricht normale Schule ersetzen?

Es gab für die Schüler nicht nur Wiederholung und Vertiefung von Schulstoff, sondern auch Neues. Das war sinnvoll. Aber es gibt auch Negativeffekte: E-Learning kann Präsenzunterricht nie ersetzen, er ist deutlich weniger effektiv, wie viele Studien zeigen. Allenfalls ein Viertel des Lernfortschritts im Normalunterricht kann so abgedeckt werden.

Auch der Prüfungsdruck fehlt.

Das ist für die Schüler einerseits schön, andererseits aber auch nicht: Manche Schüler ducken sich in dieser Zeit weg, zumal es ja keine Tests und Noten gibt. „Schwänzen“ geht jetzt leichter. Bei einem Klassenchat via Mebis oder den Videokonferenzen waren selten alle anwesend, irgendjemand fehlte immer. Klar gibt es auch Probleme mit dem Wlan oder der Verfügbarkeit von Computern zu Hause. Manchmal dient das aber bloß als Ausrede.

Was ist mit Kindern aus sozial schwierigen Elternhäusern?

Leistungsstarke Schüler, die eigenständig lernen können, sind im Digitalunterricht im Vorteil. Kinder, die eine ständige Anleitung brauchen und ohne Unterstützung der Eltern auskommen müssen, werden leichter abgehängt. Gerade auch bei Schülern mit Migrationshintergrund oder mit Inklusionsbedarf droht diese Gefahr.

Jetzt sind Ferien – oder doch nicht?

Es wird keine Arbeitsaufträge in den Osterferien geben. Alle, Eltern, Schüler und Lehrkräfte haben diese Ferien verdient. Eltern sollten ihre Kinder aber trotzdem animieren, sich von Zeit zu Zeit auch in den Ferien mit Schulstoff zu befassen, zumal diese wegen der Ausgangsbeschränkungen ja weiterhin verstärkt zu Hause sein werden.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?

Wir sind alle von der Entwicklung der Zahlen der Neuinfektionen abhängig. Sollten die Schulschließungen über den April hinaus verlängert werden müssen, wird’s schwierig. Man kann mit dem Digital-Unterricht nicht unendlich weitermachen. Aber ich bin kein Hellseher, wir müssen auf Sicht fahren.

Selbst wenn es am 20. April wieder mit der Schule losgeht, bleibt die Frage, auf welche Weise?

Eine übergangslose Rückkehr zum Vor-Corona-Schulbetrieb mit Klassenfahrten, vollen Pausenhallen, großen Schulveranstaltungen und Abifeiern kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht wird der Schulbetrieb zunächst nur für die älteren Schüler der Abschlussklassen aufgenommen, das wäre eine Möglichkeit, weil man für weniger Schüler auch die Gesundheitsstandards leichter einhalten kann. Aber es ist zu früh, das zu beurteilen. Ich bin mir aber sicher, dass man unabhängig von Schulschließungen Abiturprüfungen verantwortungsbewusst mit hohen Infektionsschutz-Standards organisieren kann. Da sollte es kein Rütteln am Termin Ende Mai geben.

Interview: Dirk Walter

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