München – Der Starnberger Kreistag hat mit seiner Entscheidung, einen Beschluss zum 365-Euro-Ticket des MVV erst mal zu verschieben, Kopfschütteln ausgelöst. Sollte sich Starnberg – was zu befürchten ist – dauerhaft verweigern, wäre das ganze Projekt gefährdet.
Das 365-Euro-Jahresticket für rund 360 000 Schüler und Auszubildende im MVV-Gebiet soll eigentlich zum 1. August dieses Jahres kommen. Es würde zum Fahren im ganzen MVV-Raum berechtigen – für umgerechnet nur einen Euro am Tag. Dem MVV würde das Einnahmeausfälle und ein Defizit von rund 30 Millionen Euro im Jahr bescheren. Für zwei Drittel will der Freistaat einspringen, für das letzte Drittel die Stadt München und die acht MVV-Landkreise. Starnbergs scheidender Landrat Karl Roth (CSU) begründete die Verschiebung am Dienstag mit finanziellen Risiken. Er erwarte „erhebliche Einnahmeausfälle“ infolge der Corona-Krise. „Ich habe im Moment etwas Bauchschmerzen.“ Nur ein Grünen-Kreisrat stimmte gegen den Beschluss zur Vertagung.
„Diese Ankündigung ist das völlig falsche Signal“, ärgert sich die für Verkehrsthemen zuständige Münchner SPD-Stadträtin Simone Burger. Sie bezeichnete die Vertagung als „völlig unabgestimmte Panikreaktion“. Auch der Münchner Kreisjugendring appelliert an die Starnberger, doch zuzustimmen. „Wenn Starnberg das Ticket platzen lässt, wird es wieder lange Jahre dauern, bis ein neuer Anlauf möglich ist“, befürchtet Pia Berndt, Mitglied im KJR-Vorstand.
Der Landkreis Starnberg, der gut 500 000 Euro jährlich zum Ticket zuschießen müsste, ist bislang der einzige Bedenkenträger. Fürstenfeldbrucks Landrat Thomas Karmasin (CSU) hat erst am Mittwoch eine sogenannte dringliche Anordnung unterzeichnet, um 750 000 Euro im Jahr für das Ticket freizugeben. Dies war notwendig, weil der Kreistag seine nächste Sitzung Corona-bedingt verschoben hat. Karmasin verband das mit einem Appell an Starnberg, doch noch zuzustimmen. Eine Verschiebung sei „ein falsches Signal“. Der Dachauer Kreistag stimmte der Einführung des 365-Euro-Tickets am Freitag zu, wenngleich wegen Starnberg unter Vorbehalt. „Die Einführung des Tickets sollte an Dachau nicht scheitern“, machte Landrat Stefan Löwl (CSU) jedoch klar. Der MVV beobachtet die Entwicklung. „Solange es keine endgültige Entscheidung gibt, gehen die Arbeiten zur Einführung am 1. August weiter“, versichert eine Sprecherin.
Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) betonte am Freitag gegenüber unserer Zeitung, dass der Freistaat zu seiner Zusage stehe. „Wir halten auch weiterhin an der Umsetzung fest.“ Die Mittel seien im Nachtragshaushalt 2020 eingeplant. Der Freistaat übernimmt nicht nur die Kosten für die Einführung im MVV, sondern auch in weiteren Verkehrsverbünden: Nürnberg, Augsburg, Regensburg, Ingolstadt und Würzburg. Alle wollen am 1. August starten. Abgesehen von Starnberg, so Schreyer, seien nirgendwo „Aufgabenträger bekannt, die ihre Teilnahme überdenken“. Die nächste Kreistagssitzung in Starnberg ist am 27. April geplant. Ob sie wegen Corona stattfinden kann, ist unklar. dw/zim