München – Die Ausgangsbeschränkungen sind in Bayern gerade mal zwei Wochen in Kraft – doch die ambulanten Beratungsstellen für Frauen in Not merken bereits einen Anstieg der Anfragen. „Etwa 30 Prozent der Frauen, die unsere Hilfsangebote bereits in Anspruch nehmen, brauchen gerade noch mehr Unterstützung“, berichtet Sabine Böhm von der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen-Notrufe und Frauen-Beratungsstellen. Bundesweit sind die Anfragen um 20 Prozent gestiegen. „Bei vielen ist die Panik gerade groß“, sagt Böhm. Die Isolation verstärke häusliche Gewalt in den betroffenen Familien, weil alle Ausweichmöglichkeiten wegfallen. „Wir rechnen damit, dass wir vor allem nach der Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen deutlich mehr Hilferufe bekommen werden. Und das vermutlich bis mindestens zum Jahresende.“
In der jetzigen Situation würden die meisten Frauen, die geschlagen oder psychisch unter Druck gesetzt werden, alles tun, um zu deeskalieren, erklärt Böhm. „Viele realisieren erst, was passiert ist, wenn sich die Handlungsunfähigkeit auflöst.“ Trotzdem weisen die Frauenhäuser und Beratungsstellen schon jetzt verstärkt auf ihr Hilfsangebot hin, zum Beispiel mit Plakaten. „Es ist wichtig, dass betroffene Frauen wissen, dass sie nicht allein sind – auch wenn sie gerade isoliert sind.“
Die Frauenhäuser rechnen ebenfalls damit, dass sie dieses Jahr deutlich mehr Frauen und Kinder aufnehmen müssen. Noch sind die Anfragen nicht spürbar gestiegen. Trotzdem beobachten viele Organisationen die Entwicklung mit großer Sorge. „Es gibt in den bayerischen Frauenhäusern schon jetzt kaum Kapazitäten“, sagt Beate Drobniak vom Diakonischen Werk Freising. „Die Situation ist wirklich kritisch. Und je größer die Existenzängste in vielen Familien werden, desto brisanter könnte es werden.“
Laut Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) wird im Freistaat gerade geprüft, wo zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten für Frauen in Notsituationen geschaffen werden könnten. Das fordert auch die SPD-Landtagsfraktion. Kurzfristige Lösungen könnten geschlossene Hotels oder Appartements sein, heißt es in einem Schreiben. Trautner sicherte Betroffenen zu, dass sie weiterhin zuverlässig Hilfe erhalten werden. Doch Beate Drobniak betont: „Nur mit Wohnräumen ist es nicht getan.“ Auch in Hotels müssten die Frauen schließlich versorgt und betreut werden.
Diese Gedanken macht sich auch Birgit van Gunsteren, Sozialpädagogin im Frauenhaus Dachau. Denn für mehr Fälle fehlt in den meisten Frauenhäusern nicht nur der Platz, sondern auch Personal. Besonders, sollte es einen Corona-Fall in einem Frauenhaus geben. Dann wären keine Ausweichmöglichkeiten da – auch dafür müssten bereits jetzt Alternativen gesucht werden, betont sie. „Wir wissen auch nicht, was wir machen, wenn jetzt eine Frau neu in unser Haus kommen würde. Wir können ja nicht testen, ob sie infiziert ist.“ Aber genau das müssten sie eigentlich, um sicherzustellen, dass sich die anderen Frauen und Kinder nicht anstecken.
In Dachau versuchen die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus nun, auf eigene Faust Notfallpläne zu erstellen und sich für alles zu wappnen. Außerdem wollen sie verstärkt Telefon- und Videoberatung anbieten. Die VdK-Präsidentin Verena Bentele fordert, dass alle Frauenhaus-Mitarbeiterinnen als systemrelevant eingestuft und mit ausreichend Schutzkleidung versorgt werden.
Eva Lettenbauer, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, hat bereits eine Anfrage an die Staatsregierung gestellt, welche Maßnahmen geplant sind, um Frauen besonders während der Corona-Krise vor Gewalt in den eigenen vier Wänden zu schützen. Die Antwort findet sie alles andere als zufriedenstellend. Die Staatsregierung will ambulante Hilfs- und Beratungsangebote stärken und klären, wie auch während der Isolation sichergestellt werden kann, dass Männer zum Schutz der Frauen aus den Wohnungen ausziehen müssen. Diese Zusicherung reicht Lettenbauer nicht. Sie fordert einen Notfallplan. „Wir müssen sofort handeln“, betont sie. „Selbst wenn noch nicht sicher ist, ob es zu einem Anstieg kommen wird.“ Auch bei der Frage der Finanzierung dürfe der Freistaat die Kommunen nicht im Regen stehen lassen. „Wir dürfen nicht an der falschen Stelle sparen.“