Alle reden über das Artensterben. Wichtig sind dabei die Artenkenner, die feststellen, welche Tiere oder Pflanzen immer weniger werden. Doch auch diese Artenexperten sind vom Aussterben bedroht. Wir stellen in dieser Serie jeweils eine Art und einen Kenner vor. Heute: Marion Müller und der Regenwurm.
Jetzt im Frühling begegnen sie einem wieder bei jeglichen tiefergehenden Gartenprojekten: die Regenwürmer. Wie oft schon hat ein Hobbygärtner nach dem kräftigen Hieb mit dem Spaten in den Boden feststellen müssen, dass er dabei auch einen unschuldigen Regenwurm erwischt hat. Aber ist es nicht so, dass dem Regenwurm so eine Teilung gar nichts ausmacht, ja, dass dann gar zwei Regenwürmer entstehen und munter weiterleben? „Ein ganz klares Nein“, lautet darauf die Antwort von Marion Müller. Sie ist Agrarbiologin, arbeitet bei einem Institut für Biodiversitätsinformation und ist Expertin auf diesem Gebiet. „Dieses Gerücht hält sich wirklich wacker“, doch auf gar keinen Fall werden aus einem Regenwurm zwei, erklärt die Artenkennerin, „auch der Regenwurm hat ein Vorderteil, mit dem er frisst, und aus seinem Hinterteil kann nicht wieder ein Mund werden“. Theoretisch möglich ist, dass man nur die Schwanzspitze abgekappt hat und der Wurm also weiterleben kann – aber nur theoretisch. „So ein Hieb sorgt für eine grobe Verletzung, und auch bei einem Regenwurm können sich da Bakterien und Pilze ansiedeln und so schnell Krankheiten entstehen.“ Die Überlebenschance eines getroffenen Wurms ist also: relativ gering.
Dabei ist er so wichtig für unseren Garten! „Für den Boden an sich ist er total toll“, schwärmt die 32-jährige Bambergerin. „Regenwürmer sind die fleißigen Bienen unter der Erde.“ Denn der „Gemeine Regenwurm“, der unter unseren Gärten und Wiesen lebt, wälzt quasi unsere Erde um: Er nimmt mit seinem Mund seine Nahrung auf, etwas Erde und organisches Material, und scheidet wieder hummusangereicherte Erde aus, die also „pflanzenverfügbar“ ist, so Müller. Also düngt er den Boden. Dabei gräbt er sich auch mal ziemlich tief ein, bis zu drei Meter. Wenn es aber regnet, dann kommt er etwas höher hinauf, auch an die Oberfläche – daher also der Name.
Warum, das konnte man leider noch nicht herausfinden. Ist es dann zu nass im Boden? Geht er auf Wanderschaft? Oder schmerzt ihn gar das Regen-Geräusch? Das übrigens die Amsel nachahmt, um ihr Lieblingsfressen herauszulocken: Genau 50 Hertz kreiert sie mit ihrem Trommeln, und genau diese 50 Hertz locken den Wurm aus dem Boden heraus; auch wenn sie von einem Gerät erklingen. Eine Regel aber können wir daraus ableiten: Will man so wenige Regenwürmer wie möglich mit dem Spaten erwischen, so legt man die Gartenarbeit am besten auf sehr trockene Tage – ohne zu trommeln.
Marion Müller über den Regenwurm