München – Werner Scharpf sitzt mutterseelenallein in seinem Gasthof im fränkischen Seßlach. Dort, wo sich normalerweise Dorfbewohner auf ein Feierabendbier treffen, herrscht jetzt gähnende Leere. Scharpf ist gleich dreifach von der Corona-Krise getroffen. Seine Kleinbrauerei stellt ihr Fassbier zum großen Teil für den Ausschank in der Gaststätte her – und die ist zu.
Scharpf betreibt eine von 626 Brauereien in Bayern, 90 Prozent davon kleine Familienbetriebe mit einem Jahresausstoß von weniger als 30 000 Hektolitern. Seit 105 Jahren ist die Brauerei Scharpf im Besitz seiner Familie – eine jener Braustätten mit gerade einmal 1000 Hektolitern Ausstoß pro Jahr, die jahrzehntelang ein Schattendasein fristeten, inzwischen aber vom allgemeinen Landbierboom profitieren. Doch nun ist Scharpfs Hauptumsatz weggebrochen. Seine Ehefrau hat der 52-Jährige in Kurzarbeit geschickt. „Wir leben gegenwärtig von der Substanz“, sagt Scharpf.
So wie ihm geht es vielen Brauern in Bayern. „Gerade Betrieben, die viel an die Gastronomie liefern oder viel exportieren, geht es jetzt schlecht“, sagt Walter König vom Bayerischen Brauerbund. Aus Bayern wird viel Bier nach Österreich und Italien exportiert, doch auch dort sind die Gaststätten geschlossen. „Allein durch Export und Gastronomie fallen für Bayerns Brauer rund 50 Prozent des Absatzmarktes weg“, sagt König.
Und auch der Verkauf von Flaschenbier kann das nicht wettmachen. Denn eine Schnellumfrage des Verbands habe gezeigt, dass nach den anfänglichen Hamsterkäufen der Bierabsatz im Supermarkt wieder rückläufig ist. „Es fehlen einfach die Anlässe zum Konsum“, sagt König. Keine Grillpartys, keine Fußballspiele, keine Geburtstagsfeiern, keine gemeinsamen Abende an der Isar – und für viele regionale Brauereien besonders hart: viele Volks-, Frühlings- und Schützenfeste sind abgesagt, während in den Lagern noch das übrige Starkbier steht.
Die Einschnitte merkt auch Victoria Schubert-Rapp von der Brauerei Karg in Murnau. „Für uns als Ausflugsregion sind die geschlossenen Gastro-Betriebe bei diesem Wetter natürlich furchtbar.“ Rund 30 Prozent des Karg-Bieres geht an die Gastronomie. Die Fässer fürs Ostergeschäft stehen nun abgefüllt im Lager. „Aber das hält natürlich nicht ewig. Hier leiden wir mit unseren befreundeten Wirten. Wir hoffen, dass es ab dem 20. April wieder langsam anlaufen kann.“ Neun Mitarbeiter beschäftigt die mittelständische Brauerei. „Wir schaffen das gerade nur, weil die ganze Familie zusammensteht.“ Auch bei Wildbräu in Grafing, die in coronafreien Zeiten unter anderem die Münchner Konzerthalle Zenith beliefert, ist der Absatz um rund 30 Prozent eingebrochen. „Das tut schon sehr weh“, sagt Brauerei-Chef Gregor Schlederer.
Ein erstes Opfer der Krise gibt es schon: die Wernecker Bierbrauerei aus Unterfranken. Die Brauerfamilie des 1617 gegründeten Betriebs hat bereits Ende März angekündigt, alle Brauaktivitäten einzustellen. „Die Gefahr, dass einige diese Zeit nicht überleben, ist da“, sagt Walter König. „Jetzt kommt es ganz darauf an, wie lange dieser Spuk dauert.“
Der Bund will den Brauereien derweil Luft verschaffen. Das Bundesfinanzministerium kündigte an, dass die Betriebe ihre Biersteuer stunden können. „Das kann dabei helfen, die Liquidität hoch zu halten“, sagt König. Doch gerade die kleineren Brauereien seien im Moment wie viele andere Branchen besonders auf die Solidarität ihrer Kunden angewiesen. „Deshalb lautet unsere Bitte: Regional einkaufen, damit es die Brauerei nach der Krise noch gibt.“