Hohenpeißenberg – Beim Blick vom Gnadenberg sieht man bei schönem Wetter wie derzeit die ganze Alpenkette. Dass hier oben, auf dem Hohen Peißenberg, eine Wallfahrtskirche steht, ist kein Zufall. Einen besseren Ort, um von Weitem gesehen zu werden, von dort oben alles im Blick zu haben – und gleichzeitig näher beim Herrgott zu sein, gibt es kaum.
2020 ist für die Gemeinde Hohenpeißenberg (Kreis Weilheim-Schongau) ein Feierjahr: Sie will das 400-jährige Bestehen ihrer Wallfahrtskirche richtig groß begehen. Alles ist bis ins kleinste Detail vorbereitet: Von März bis Ende Dezember sind Vorträge, Pontifikalämter, das Patrozinium am 15. August, besondere Kirchenführungen und Konzerte geplant. Starten sollte es starten mit einem Festvortrag des Kunsthistorikers Ulrich Fürst vom Institut für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Doch nun hat Corona die Jubelpläne zunächst ausgebremst. „Hilft nix“, sagt Bürgermeister Thomas Dorsch (parteilos). Alle wissen: Die Gesundheit geht vor. Auch Pfarrer Robert Kröpfl sieht völlig ein, dass das Jubiläum nun erst einmal ruht. Bis zum 17. Mai, wenn der Münchner Kardinal Reinhard Marx zum Festgottesdienst auf den Gnadenberg kommen will, ist noch viel Zeit. Zeit zu hoffen.
Und Zeit, sich näher mit dem Gnadenort auf dem Hohen Peißenberg zu befassen. Bauern waren es vor über 500 Jahren, die die Anfänge der Wallfahrt gesetzt haben. Um zum Gottesdienst zu gehen, mussten sie den langen Weg nach Peiting auf sich nehmen, erzählt der Pfarrer. „Das war oft sehr beschwerlich, sodass die Menschen den Wunsch hatten, eine eigene Kapelle zu errichten.“ Geplant war ein Platz weiter unten am Berg, der Weg nach oben war eigentlich zu anstrengend. „Dann wurde der Legende nach das Bauholz über Nacht genau an den Platz transferiert, wo jetzt die Wallfahrtskapelle steht.“ Also wurde die Kapelle dort gebaut. Und dabei blieb es nicht: Das Oktogon wurde zum Wallfahrtsort, nachdem ein Bauer aus Peiting aus einer bedrohlichen Viehseuche gerettet wurde und Bauern während der Reformation dem bayerischen Herzog die Treue hielten. Die Augustinerchorherren im nahe gelegenen Chorherrenstift Rottenbuch wurden aufmerksam auf die aufstrebende Wallfahrt, und als die Kapelle um ein Langhaus erweitert wurde, stiftete Propst Wolfgang Perkhofer (1582–1611) einen Choraltar. 1604 übertrug Herzog Maximilian I. die seelsorgliche Betreuung dem Kloster – so wurde der Grund gelegt für die neue Wallfahrtskirche, die vor 400 Jahren eingeweiht wurde.
Das Besondere ist allerdings, dass die alte Kapelle nicht abgerissen, sondern eine Kirche angebaut wurde. Für Pfarrer Kröpfl ein Zeichen dafür, dass der Hohe Peißenberg ein Kraftort ist, der Menschen anzieht. An anderen Orten habe man oft einen Vorgängerbau dem Erdboden gleichgemacht und was Größeres drüber gebaut. „Die Menschen haben also schon vor über 400 Jahren gemerkt, wir können die alte Kapelle nicht wegreißen. Das strahlt bis heute aus. Das ist ein Orientierungspunkt im ganzen Pfaffenwinkel.“ So sieht es auch Bürgermeister Dorsch, der hier 25 Jahre als Kirchenpfleger tätig war und auf dem Hohen Peißenberg jeden Stein kennt. „Alle Zeiten haben ihren Abdruck hier hinterlassen, das Ensemble ist über die Jahrhunderte gewachsen. Ich finde das richtig lebendig“, schwärmt er. Die Wallfahrtskirche – für Dorsch ist sie der Mittelpunkt seiner Gemeinde, die sich um den Berg angesiedelt hat.
Wallfahrtsorte auf Gnadenbergen wie dem Hohen Peißenberg sind auch für den Kunsthistoriker Fürst etwas ganz Besonderes: „Die Berglage bietet bei der Verkündigung eine Fülle an einprägsamen Bildern, mit denen man den Gläubigen vorstellbar machen kann, was ein wunderreicher Ort leistet.“ Alles, was heilig, würdig und heilsam ist, sei in der Bibel zwischen Gott und den Menschen auf Bergen verhandelt worden. Berge seien so etwas wie eine Kontaktzone zwischen Gott und den Menschen. Für den Kunsthistoriker aber ist das Wallfahrtsensemble vor allem eine Fundgrube an kunsthistorischen Schätzen. Eine Tatsache, die heute viele Kunstliebhaber auf den Hohen Peißenberg lockt. Zog in der Barockzeit die Wallfahrt zum Marienbildnis bis zu 40 000 Menschen jährlich an, sind es heute Ausflügler aus aller Welt, die die Aussicht genießen wollen und Kunstkenner. Aber auch die Wetterstation zieht Besucher an.
Auch jetzt noch kommen Wallfahrer auf den Berg. In Corona-Zeiten wird Trost, Hilfe und Beistand in der Wallfahrtskirche vielleicht gerade wieder gesucht. Im Fürbittbuch können Menschen ihre Sorgen zu Papier bringen. „Es vergeht kein Tag, an dem hier nicht Kerzen angezündet werden“, sagt der Pfarrer. Womöglich erfährt die Wallfahrt auf den Hohen Peißenberg gerade im Jubiläumsjahr neuen Schwung.