Forscher der Zoologischen Staatssammlung München haben das Insektenvorkommen auf ökologisch und konventionell bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen verglichen. Die von der Babynahrungs-Firma Hipp finanzierte Studie zeigt: Auf der Bio-Wiese ist die Artenvielfalt deutlich größer. Insektenforscher Axel Hausmann erklärt, wie das Forschungsteam mit neuen DNA-Methoden den Ursachen für den Artenschwund auf die Spur kommen will.
Herr Hausmann, wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?
Wir haben im Jahr 2018 vier Insektenfallen auf Wiesenflächen zweier landwirtschaftlicher Betriebe im Landkreis Pfaffenhofen aufgestellt, einem konventionellen und einem ökologischen Bauernhof. Dafür haben wir sogenannte Malaise-Fallen verwendet, also Zeltfallen ohne speziellen Lockstoff. Dadurch wollten wir sicherstellen, dass punktgenau nur die Insekten in den Fallen landen, die in diesem Bereich vorkommen – und nicht von weiter her angelockt werden. Den Inhalt dieser Fallen haben wir dann mit modernen DNA-Methoden, mit sogenanntem Metabarcoding, ausgewertet, um zu sehen, welche Arten dort tatsächlich vorkommen.
Was bringt diese DNA-Auswertung?
Das ist das Neue an unserer Studie. Bislang konnte man oft nur die Biomasse in den Fallen auswerten, etwa bei der im Zusammenhang mit dem Artenschwund viel zitierten Krefelder Studie. Damit konnte man aber nur qualitativ die Menge nachweisen, nicht jedoch quantitativ, um welche Arten es sich handelt. Weil wir nun durch unsere DNA-Projekte mittlerweile die Signalsequenzen von fast 25 000 Tierarten in Bayern vorliegen haben, können wir die gefundenen Arten im Labor bestimmen und müssen nicht für jeden Käfer und jede Fliege auf einzelne Experten zurückgreifen. Das erlaubt eine breitere Erhebung und nicht nur den Fokus auf bestimmte Indikatorarten wie zum Beispiel auf die leicht zu bestimmenden Tagfalter. Deren Artenzahl deckt ja gerade mal ein halbes Prozent unserer heimischen Insektenwelt ab und ist damit nicht unbedingt repräsentativ.
Was haben Sie gefunden?
Allein für 2018 haben wir in diesen vier Fallen knapp 4000 Insekten-Arten nachgewiesen. Und das ist erst der Anfang. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse stammen aus dem Pilotprojekt. Die Firma Hipp finanziert die Forschungen für insgesamt bis zu fünf Jahre – heuer und im vergangenen Jahr haben wir bereits 20 Fallen aufgestellt, um ein noch besser abgesichertes Ergebnis zu bekommen.
Was haben Sie bei der Auswertung des ersten Jahres festgestellt?
Die Ergebnisse waren deutlich: Auf den ökologisch bewirtschafteten Flächen haben wir 2,6 mal mehr Biomasse festgestellt als auf dem konventionellen Betrieb. Allein bei den Schmetterlingsarten haben wir 60 Prozent mehr Arten auf der Öko-Wiese entdeckt. Bei den Insektenarten insgesamt waren es rund 20 Prozent mehr. Und ebenfalls interessant: Stark gefährdete Arten, die auf der Roten Liste stehen, waren auf dem Bio-Bauernhof doppelt so oft zu finden.
Sind diese Ergebnisse repräsentativ über den Landkreis und die beiden Betriebe hinaus?
Davon bin ich überzeugt. Deshalb führen wir diese Studie auch weiter. Und die ersten Ergebnisse von 2019 bestätigen unsere Aussagen bereits. Jetzt wollen wir überprüfen, ob dieser Unterschied auch über die Jahre hinweg konstant nachweisbar ist und ob es Schwankungen gibt – damit unser Ergebnis am Ende nicht doch eine Eintagsfliege war.
Woran liegt’s, dass im Ökolandbau mehr Artenvielfalt herrscht?
Der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden ist da natürlich ein wesentlicher Faktor. Eine monotone, stark gedüngte Wiese, auf der nur eine Gras- und Klee-Art wächst, bietet viel weniger Insekten eine Lebensgrundlage als eine Wiese, auf der viele verschiedene Pflanzenarten wachsen und blühen dürfen.
Immer wieder ist zu hören, dass es zum Artenschwund noch zu wenig belastbare Studien gibt. Ist das so?
Dass es einen Artenschwund gibt, ist eindeutig nachgewiesen. Aber uns fehlen Studien, um Details und Ursachen genauer zu benennen. Da ist auch unser Vergleich zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft nur ein Puzzlestück in der Forschung. Beim Artenschwund spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Der Stickstoffeintrag über die Luft, die Flächenversiegelung und vieles mehr müssen eingehend untersucht werden, um zu erfahren, wo wir ansetzen müssen und welche Verbesserungen wirklich etwas bringen. Aber dazu braucht es sowohl Experten als auch Finanzierung. Und auch daran – nicht nur bei den Insekten selbst – mangelt es leider.
Interview: Dominik Göttler