Mieter Hitler

von Redaktion

Warum ein Archiv den Mietvertrag des NS-Diktators ersteigerte

Kürzlich hat Bernhard Grau, Chef des Bayerischen Hauptstaatsarchivs in München, tief Luft geholt und dann 6400 Euro Sonderausgaben gebilligt: für ein sonderbares Dokument, nämlich Hitlers Mietvertrag für seine großräumige Wohnung am Münchner Prinzregentenplatz 16. Vermieter war der Münchner Kohlenhändler Hugo Schühle, Mieter eben „Reichskanzler Adolf Hitler“, wie es im Vertrag heißt. Mieter Hitler benötigte den gesamten 2. Stock: Für neun Zimmer, eine Küche, vier Kammern, zwei Bäder sowie Keller und Dachräume wurden 4593 Mark und 60 Pfennige Jahresmiete festgelegt.

Hitler lebte in der Wohnung, das ist bekannt, schon seit 1929 – der Mietvertrag vom 1. April 1933 ist ein Neuvertrag, vermutlich verbunden mit einer üppigen Mieterhöhung. Neben dem Vertrag erwarb das Archiv auch noch einige andere Dokumente, unter anderem eine Liste mit Ölgemälden, die sich bis mindestens 1943 in der Wohnung befanden – Gemälde unter anderem von Spitzweg, Cranach, Lenbach und Breughel, die wahrscheinlich auf krummen Wegen in den Besitz Hitlers geraten waren. Heute ist in der Wohnung, die dem Freistaat gehört, übrigens die Münchner Polizeiinspektion untergebracht.

Mindestens ebenso interessant wie der Inhalt der vergilbten Dokumente ist ihre Herkunft. Das Geld des Archivs floss an das Münchner Auktionshaus Hermann Historica, das wiederum die Summe – vermutlich abzüglich eines Honorars – an einen Privatsammler weitergab. Dieser hatte im November vergangenen Jahres einen wahren Fundus an Nazikitsch offeriert, sogar ein Samtkleid von Eva Braun war darunter, was international einen Proteststurm auslöste (wir berichteten). Hitlers Mietvertrag war bei der Versteigerung ein eher marginaler Posten.

6400 Euro sind trotzdem viel Geld, doch Archivdirektor Grau verteidigt den Ankauf. „Für uns ist entscheidend, dass ein Dokument unsere Bestände ergänzt – wir kaufen nichts wahllos an.“ Da im Hauptstaatsarchiv ein Nachlass Hitlers verwahrt wird, war der Kauf nur logisch. So sieht es Grau. Regelmäßig liefern sich staatliche Archive dabei oft Bieterduelle mit privaten Käufern. Nazi-Devotionalien wie das Kleid von Eva Braun oder auch Hitlers Zylinderhut, der bei der Versteigerung für 50 000 Euro (!) wegging, haben nach wie vor einen hohen Marktwert – zum Leidwesen von Historikern, die an ernsthafter Forschung interessiert sind. Schlagzeilen machte vor drei Jahren ein Fotoalbum Eva Brauns mit 73 Aufnahmen vom Obersalzberg – ein seriöses Geschichtsinstitut hat sich das Album damals für 34 000 Pfund gesichert. Graus Hauptstaatsarchiv hatte vor Jahren Interesse an einem Dokument zu den Nürnberger Prozessen, einem Entwurf der Verteidigungsrede von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop (der später hingerichtet wurde). „Aber der Kauf scheiterte am Geld“, sagt Grau. Der Historiker, der über Kurt Eisner promovierte, hat auch mit Ärger verfolgt, wie ein Tutzinger Antiquariat mit dem Nachlass von Maximilian Harden verfuhr. Harden war in der Kaiserzeit ein berühmter Publizist, er deckte unter anderem das homoerotische Milieu im Umfeld von Kaiser Wilhelm II. auf, was damals einen Skandal verursachte. Sein Nachlass ist heute jedoch in alle Winde zerstreut, weil das Antiquariat „jedes Dokument einzeln versteigerte“, wie Grau bedauert.

Auch Hitlers Mietvertrag ist über die Jahre durch so einige Hände gewandert und hat dabei beträchtliche Wertsteigerungen erfahren, Man nimmt an, dass das Dokument mit vielen anderen ursprünglich Hitlers Wohnungsverwalterin Anni Winter an sich gerafft hatte, ehe die Polizei alles konfiszierte. Der Mietvertrag muss da aber schon verhökert worden sein. Schließlich erwarb ein Flohmarktsammler aus dem Raum Freising die Dokumente – und verkaufte sie an einen anderen Sammler weiter, der dann die Auktion initiierte. Von dem Freisinger hat das Archiv kürzlich noch drei Ordner mit Mietunterlagen und Rechnungen aus dem Besitz des Vermieters Schühle angekauft – „für eine relativ bescheidene Summe“, wie Grau betont. DIRK WALTER

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