Keine Kondensstreifen am Himmel, wunderbar! Was ich sehe, sind tatsächlich Wolken. Singen die Vögel lauter als sonst? Nein, wir können sie jetzt nur besser hören. Ich genieße meine Spaziergänge im Wald und genieße die Stille. Das Schreckgespenst, das die Welt lähmt, lässt sich nicht einfach wegdenken, aber ich vertraue auf die Kraft der positiven Gedanken.
Es sind die kleinen Meldungen, über die ich mich freue: In Triest wurden nach Jahren wieder Delfine im Hafen gesichtet, weil keine Schiffe fahren. Das Klima bekommt eine Atempause. Und wir? „Bleibt zu Hause!“, heißt es.
Noch vor Monaten hätten sich gestresste Berufstätige über diese Anweisung des Chefs wahrscheinlich gefreut. Schließlich sind wir ja nicht ungern in den eigenen vier Wänden. Doch jetzt scheint vielen Menschen bereits die Decke auf den Kopf zu fallen. „Verordnete Entschleunigung“ – man muss damit zurechtkommen. Irgendwann ist auch der letzte Schrank aufgeräumt, die letzte Staubmaus weggesaugt.
Jetzt ist zweifelsfrei die Zeit der Optimisten. Eigentlich kann man allem auch was Gutes abgewinnen, und sei es noch so banal. Als ich gestern mein Medizinschränkchen neu sortiert habe, sah ich, dass das Verfallsdatum schon Jahre zurücklag. Kleine Notiz: Möglichst bald neu ausstatten! Dabei ein flüchtiger Gedanke: Hoffentlich kommt mein Aspirin dann nicht mehr aus China!
Und da ist auch noch mein Speicher. Unglaublich, was sich in Jahrzehnten angesammelt hat. Ebenso unglaublich – die beiden großen Stapel vor mir, die nun auf meine Entscheidung warten: Was muss meinen Haushalt verlassen – und was darf bleiben? Ich finde kleine Schätze, die meine Kreativität befeuern. Eine Kiste mit Fotos und Zeitungsausschnitten zum Beispiel. Nicht nur eine Zeitreise für mich. Ich überlege mir, wem ich damit eine kleine Freude machen kann. Also kopieren und mit ein paar Zeilen an jene schicken, denen dieser unerwartete Gruß ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Erinnerungen an gemeinsam verbrachte schöne Stunden.
Es gibt so vieles in dieser schwierigen Situation, das die Herzen erwärmt. Überall Menschen, die sich etwas einfallen lassen, die Besitzerin einer Boutique in Miesbach zum Beispiel, die ihr Schaufenster jeden Tag neu dekoriert, Kleidungsstücke mit einer Nummer versieht, damit es sich ihre Kundinnen schicken lassen können. Natürlich fehlt uns der geliebte Einkaufsbummel. Geschlossene Geschäfte – trostlos! Da könnte man mal wieder darüber nachdenken, dass „Online-Bestellungen“ nur das halbe Vergnügen sind.
In meinem Umfeld reagieren die Menschen in dieser schwierigen Zeit nicht nur mit Gelassenheit, sondern so mancher entdeckt sogar ganz neue Hobbys: Eine Freundin hat sich als Konditorin neu erfunden und backt, zur Freude ihres Mannes, einen Kuchen nach dem anderen. Natürlich steht eine Kostprobe auch für mich hinter dem Zaun, der uns momentan trennt, sogar mit Sahnehäubchen.
Oder irgendwo erwacht ein bisher nur schlummerndes Talent, und plötzlich entstehen auf der Leinwand bunte Schmetterlinge. Meine Freundin Antje-Katrin Kühnemann erzählte mir, wie sehr sie es gerade liebt, alte Filme im Bayerischen Fernsehen anzuschauen. Ihr Mann freut sich, dass sie ihn rund um die Uhr liebevoll versorgt.
Ich selbst genieße mein Bayerisches Fernseh-Programm, stöbere in meiner Plattensammlung und höre Frank Sinatra. „You’ll never walk alone“, du geht’s nie allein. Er nahm es 1945 auf, als die Welt nicht nur den Atem anhielt, sondern in Trümmern lag. Ein Lied, das für Hoffnung steht. Am Ende des Sturms wartet ein goldener Himmel. Ja, und wenn einem doch mal nichts einfällt, was für gute Laune sorgt, könnte Karl Valentin helfen: „Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst. Hoffentlich bin ich daheim!“
In diesem Sinn –
herzlich
Ihre Carolin