Vor 75 Jahren starb Georg Elser – hingerichtet durch einen Genickschuss am Hinrichtungsplatz des KZ Dachau. Der schwäbische Schreiner hatte im November 1939 im Alleingang das (nur knapp gescheiterte) Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller verübt. Lange war Elser vergessen, ja verfemt. Heute hat sich das geändert. Dazu ein Gespräch mit Hans Ulrich Koch, der als ehemaliger Geschichtslehrer eines Gymnasiums in Heidenheim/Baden-Württemberg den Arbeitskreis „Georg Elser“ leitet (siehe www.georg-elser-arbeitskreis.de).
Gestapo-Chef Heinrich Müller selbst hat per Schnellbrief die Ermordung von Georg Elser angeordnet, über fünf Jahre nach der Tat. Warum jetzt, warum noch kurz vor Kriegsende?
Elser wurde als ein persönlicher Gefangener Hitlers betrachtet. Er hatte einen Sonderstatus. Der Schnellbrief Müllers stammt vom 5. April 1945. Darin wird zynisch befohlen, der im KZ Dachau inhaftierte Eller, so der Deckname Elsers, sei bei einem Fliegerangriff „tödlich zu verunglücken“. So steht es dort wortwörtlich – und so geschah es. Für Elser war eigentlich ein politischer Prozess nach Kriegsende vorgesehen – die NS-Führung wollte der Weltöffentlichkeit vorspielen, dass hinter ihm, hinter dem ganzen Attentat, der britische Geheimdienst stand. Jetzt aber, kurz vor Kriegsende, war ein Prozess aussichtslos. Daher war Elser sozusagen nutzlos geworden und dann war er aus dem Weg zu räumen – so die damalige Sichtweise der NS-Führung.
Elser war nicht der Einzige, der kurz vor Kriegsende ermordet wurde.
Nein, auch Dietrich Bonhoeffer starb am gleichen Tag, ferner Hans von Dohnanyi, Wilhelm Canaris und Hans Oster aus dem militärischen Widerstand. Diese Morde kurz vor Schluss sind Beispiele für Endphasenverbrechen, von denen es kurz vor Kriegsende erstaunlich viele gab.
Was für ein Mensch war Elser, wie würden Sie ihn charakterisieren? Ein Einzelgänger?
Er hatte viele Facetten. Er war ein geschickter Handwerker, auf Schwäbisch gesagt ein Tüftler. Sonst hätte er diese Bombe auch nicht mit dieser Präzision bauen und verstecken können. Er war politisch interessiert, wählte in der Weimarer Republik KPD, ohne aber geschulter, orthodoxer Kommunist zu sein. Er war kein Einzelgänger, sondern im Gegenteil ein geselliger Mensch. Er war beliebt, suchte Anschluss, war engagiert in Musikvereinen, hatte Frauengeschichten. Nur am Ende, in den Monaten, während der er sich in die Vorbereitung des Attentats vertiefte, wählte er bewusst das Einzelgängertum – wohl, um niemanden zu gefährden.
Es gibt immer wieder Stimmen, die Elser moralische Qualitäten absprechen, schließlich habe der Anschlag acht Menschen in den Tod gerissen. Was sagen Sie dazu?
Die Diskussion ist mitunter sehr akademisch. Da werden hochtrabende Kriterien für einen Tyrannenmord definiert und versucht, Elser die moralische Qualifikation abzusprechen. Wenn wir den ganzen Menschen Elser betrachten, bleibt wenig Kritikwürdiges übrig. Er hat aus Überzeugung etwas getan, was sich seine Mitmenschen eben nicht getraut haben. Was die Toten betrifft: Wir müssen davon ausgehen, dass sich Elser über eventuelle Mitopfer vor der Tat viele Gedanken gemacht hat. Aus dem Protokoll mit seinem Geständnis geht klar hervor, dass er – obwohl nicht sonderlich religiös – nun oft in die Kirche ging, um ein Vaterunser zu beten. Da hatte jemand Gewissenskonflikte.
Warum war Elser, anders als die Männer vom 20. Juli, deren Anschlag ja auch scheiterte und vier Tote forderte, so lange vergessen?
Die Anerkennung für die Männer vom 20. Juli war ja auch kein Selbstläufer, das hat Jahrzehnte gedauert. Aber sie hatten Fürsprecher: Ihre Familienangehörigen aus dem Adel und dem Militär, bald auch die Bundeswehr, die hier positive Traditionen suchte. Auch das Erinnern an die Geschwister Scholl hatte Unterstützer – Intellektuelle, Studenten, die großen Kirchen, da die Scholls ja religiös verwurzelt waren. All diese Gruppen haben Elser gefehlt. Wahrscheinlich beschämte auch viele, dass ein Einzelner so einen Anschlag ausführen konnte – das hielt der Nachkriegsgeneration den Spiegel vor.
Wann setzte der Wandel ein?
1989 ist ein wichtiges Jahr. 50 Jahre nach dem Attentat. Unter anderem erschien der Film mit Klaus Maria Brandauer, der Elser positiv würdigte. Danach wurde Elsers Tat nach und nach bekannter.
Sie waren Geschichtslehrer. Was sagt uns Elser heute, ist er ein moralisches Vorbild?
Ich habe immer bemerkt, dass Elsers Geschichte etwas ist, was speziell Jugendliche anspricht.
Warum?
Wahrscheinlich, weil Geschichte hier viel konkreter und anschaulicher wird, als sonst, wenn man von Strukturen spricht. Die Zivilcourage Elsers ist bis heute beispielhaft. Schülern kann man an seinem Beispiel vermitteln, kritisch mitzudenken und nicht alles zu akzeptieren, was von oben herab verfügt wird.
Das Gespräch führte Dirk Walter
Literaturhinweis
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