Das Fest der Christen ist nicht abgesagt

von Redaktion

Gastbeitrag von Pater Andreas R. Batlogg *

Ostern findet statt. Auch 2020. Das zentrale Fest der Christen ist nicht abgesagt. Das „Halleluja“ geht nicht in Quarantäne. Vielerorts herrscht aber in diesem Jahr als Grundgefühl Karfreitagsstimmung. Keine öffentlichen Gottesdienste, massiv eingeschränkte Spendung von Sakramenten, teils geschlossene Kirchen: liturgischer Shutdown.

Die Coronavirus-Pandemie greift tief in unser Leben ein. Auch in die religiöse Praxis – und verändert sie. Liturgie ist auf Wochen hinaus nur im kleinsten Kreis möglich: Es ist die Zeit der Hauskirche. Und von Online-Programmen. Neue liturgische Formate wurden entwickelt, alte wiederbelebt. Sie sind kein Ersatz für das Beten und Feiern in Gemeinschaft, das viele schmerzlich vermissen. Immerhin gibt es zahlreiche Streaming-Angebote, auch wenn man manchmal den Eindruck gewinnt, es herrsche dabei ein Überbietungswettkampf.

Religiosität bekommt in diesen Wochen eine ganz neue Bedeutung. Leben und Sterben: Die Fragen dazu werden existenzieller. Sie betreffen plötzlich alle. Das Virus spart niemanden aus. Für viele ist der Tod eine reale Möglichkeit geworden – längst nicht nur für Alte und Risikogruppen. Jeder kann sich infizieren – und daran sterben.

Die Bilder prägten sich ein: Militärfahrzeuge in Bergamo, die massenweise Särge abholten, weil Bestatter nicht mehr nachkamen. Krankenhauskorridore, in denen sich Bett an Bett reiht. Isolierte Sterbende, die ihre Angehörigen nicht mehr sehen dürfen. Kühlwägen, in denen Leichen gestapelt werden.

Auch die Bilder vom Papst am 27. März gingen um die Welt. Eine grandiose Inszenierung: Bei strömendem Regen betete Franziskus in der Abenddämmerung vor dem menschenleeren Petersplatz, auf dem sonst Zehntausende stehen, um ein Ende der Seuche. Hinter ihm ein mittelalterliches Pestkreuz aus dem Inventar einer römischen Kirche, zu der er Tage vorher privat durch die leer gefegten Straßen Roms gepilgert war. Fast eine Stunde dauerte die minimalistische Andacht, bis der Papst mit der Monstranz „die Stadt und den Erdkreis“ segnete. Glaubenden Menschen auf allen Kontinenten galt der Segen genauso wie denen, die nicht (mehr) glauben können oder wollen. „Wir sitzen alle im selben Boot“, sagte Franziskus: „alle schwach und orientierungslos.“ Die Botschaft dieses „Urbi et orbi“-Segens, den es sonst nur zu Weihnachten und an Ostern gibt, lautet: Vergesst nicht, einander Gutes zuzusprechen! Damit Corona und Tod nicht das letzte Wort haben. Trösten und stärken wollte Franziskus damit: der Papst als Seelsorger. Ein Medikament ist dieser Segen nicht. Auch nicht Magie. Er bewahrt nicht vor dem Virus der Krankheit. Aber vor dem Virus der Trostlosigkeit und der Verzweiflung.

Wonach sich viele sehnen, ist zurzeit nur mit (Sicherheits-)Abstand möglich: Zuwendung und Berührung. Distanz wird zur Überlebensstrategie. Auferstehung ist ein intimer Vorgang: Gott berührt einen Toten – und holt ihn ins Leben zurück. An Ostern erinnern Christen (wie jeden Sonntag) daran, dass das Kreuz nicht Endstation war. Dass Jesus auferstanden ist. Dass mit dem Tod nicht alles aus ist: Das ist die Verheißung. Ohne sie ist Glaube nach Paulus „leer“ und „Verkündigung sinnlos“. Er wäre nicht mehr als ein spirituelles Placebo.

Auch wenn die Marke „Kirche“ keineswegs unbeschädigt ist und durch die Missbrauchsthematik massiv an Glaubwürdigkeit verloren hat: Die Hoffnungsbotschaft, die sie zu verkündigen hat, kennt kein Ablaufdatum. Sie gilt. Auferstehung ist und bleibt eine Zumutung für den Verstand. Aber diese Perspektive richtet auf. Muten wir sie uns zu?

* Jesuitenpater Andreas R. Batlogg (57) war von 2009 bis 2017 Herausgeber und Chefredakteur der in München erscheinenden Kulturzeitschrift „Stimmen der Zeit“.

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