„Ihr seids net alloa“

von Redaktion

Katholischer Pfarrer Mannhardt: Ostersonntag um 10 Uhr beten wir gemeinsam

Miesbach/Hausham – Irgendwann heute am Ostermorgen steht Michael Mannhardt in seiner Kirche und feiert das bedeutendste Fest der Christen. Auferstehung. Irgendwann deshalb, weil er den genauen Zeitpunkt gar nicht preisgeben darf. „Dann kommen die Leit vielleicht zur Kirchentüre und versammeln sich davor“, befürchtet der 47-jährige Pfarrer. Und das darf nicht sein in Corona-Zeiten. Da könnte das verflixte Virus übertragen werden. Der Priester weiß von manchen Kirchgehern, wie sehr sie den Gottesdienst vermissen. Klug muss er also umgehen mit seinen Informationen an diesem Osterfest 2020.

Zum christlichen Glauben gehört aber nun einmal die Verkündigung. Den Glauben in Gemeinschaft zu feiern. Und – „halleluja“ – die Überwindung des Todes und die Auferstehung Christi mit prächtigen Gottesdiensten, mit viel Musik, mit Weihrauch, Licht und Segen zu zelebrieren.

2020 geht das nicht. Corona zwingt den Pfarrer zum einsamen Gottesdienst – maximal der Mesner darf dabei sein. „Das ist natürlich vom Gefühl her befremdlich“, gibt Mannhardt zu. In „normalen“ Jahren versammeln sich schnell 400 Menschen zu den großen Gottesdiensten. Zu den Prozessionen auf dem Land kommen zahllose Kinder in Tracht, viele junge Familien – „das sind Erlebnisse, nach denen alle begeistert nach Hause gehen und sagen: Ja, es ist schön, der Glaube lebt“.

In diesem Jahr ist alles anders. Wie verschoben auf eine andere Ebene, ins Internet und in die Seele. Denn Mannhardt fühlt ihn trotzdem, den Kontakt zu „seine Leit“: Auch wenn die Kirchenbänke leer sind – „bei den Gottesdiensten, die ich für mich zelebrieren muss, spüre ich die innere Verbundenheit mit den Menschen.“ Durch die vielen Kontakte über Whatsapp oder Facebook, übers Telefon oder ganz zufällig beim Spazierengehen erfährt er von der Sehnsucht vieler Menschen nach religiöser Feier. „Du, heute Vormittag feier’ ich noch den Gottesdienst allein – und ich schließe Euch alle ins Gebet ein“ – wenn das die Menschen von ihm hörten, seien sie richtig berührt.

Auf allen Ebenen der katholischen Kirche sucht man nach Zeichen und Wegen, um die Verbundenheit mit den Menschen trotz Ausgangsbeschränkungen doch zum Ausdruck zu bringen. Heute, am Ostersonntag, werden um 10 Uhr vormittags auf Bitten von Kardinal Reinhard Marx die Glocken aller katholischen Kirchen läuten. „Das ist das Zeichen, dass der Segen nicht Halt macht, er geht raus und verbindet uns alle“, erklärt Mannhardt. Das Glockengeläut ist auch als Einladung verstanden, dass die Menschen daheim ein „Vater unser“ beten und ein Segensgebet über die Speisen sprechen. „Und wenn dann die Glocken von unsern Kirchn läutn, dann derft’s sicher sein: Gottes Segen kimmt a zu Eich. Ihr seids net alloa“, sagt der Pfarrer in einer Videobotschaft an seine Gemeindemitglieder.

Auch auf das wichtigste Symbol der Auferstehung, das Osterlicht, sollen sie nicht verzichten müssen. In Coronazeiten war das aber ganz schön mühselig, bis eine Lösung gefunden war. Osterfeuer? Nicht erlaubt, da kommen zu viele Menschen zusammen. Und wenn die Gläubigen am Ostersonntag in die Kirche strömen, um ihre Kerzen an der großen Osterkerze anzuzünden? „Ging auch nicht, weil die Kerze so groß ist, dass gar nicht alle daran kommen“, so Mannhardt. Jetzt wird also die Mesnerin nach dem „geheimen“ Osternachtsgottesdienst zahlreiche Opferlichter an der großen Kerze anzünden, damit die Gläubigen ihre eigenen Kerzen daran halten können. „Das Osterlicht findet ganz bestimmt den Weg zu den Leuten“, ist sich Mannhardt sicher.

Wer glaubt, dass der Pfarrer wegen der staatlich verordneten Bewegungsbeschränkung nun eine Karwoche und ein Osterfest in aller Stille, so ganz in innerer Einkehr begehen kann, der hat sich getäuscht. Michael Mannhardt, gebürtiger Traunsteiner und ein zupackendes Mannsbild, lacht: „Ich hab weniger Zeit als vor der Krise.“ Als Dekan ist er eine Art Krisenmanager für eine ganze Reihe von Gemeinden. „Ich hab keinen freien Tag, aber nehme mir jeden Tag eine Stunde für einen Spaziergang in die Natur.“ Eine Stunde für sich, ohne Handy. Auf diesen Wegen bemerkt er sie, diese eigentümliche Karfreitagsstimmung, die seit der Coronakrise über die Welt ausgebreitet ist. „Bei uns im Schlierachtal höre ich auf einmal die Schlierach rauschen. Man hört den Wind in den Bäumen.“ Es sei unglaublich, wie die lauten Orte auf einmal still geworden sind. Krise hat auch schöne Seiten.

Doch die schrecklichen Folgen, die sieht Mannhardt natürlich auch. „Wir sind in Gedanken bei den Menschen in den Seniorenheimen, bei den Dementen, die niemanden haben, weil das Pflegepersonal so ausgedünnt ist.“ Und ganz furchtbar ist für ihn, wenn Menschen alleine sterben müssen. Er und sein Seelsorgeteam stehen auch an den Feiertagen bereit, wenn jemand allein ist und Redebedarf hat.

Der katholische Pfarrer lebt – anders als seine evangelischen Nachbarn – allein. Eine Pfarrhaushälterin hat er nicht, „Ich versorge mich seit jeher selber.“ Er kann es ganz gut aushalten, hat ja auch immer wieder Kontakt zu seinen Mitarbeitern.

An Ostereier oder Festtags-Schmankerl hat der Pfarrer noch keinen Gedanken verschwenden können. Aber er ist sich sogar im Stillen sicher, dass der ein oder andere ihm etwas vor die Tür stellen wird. „Da mache ich mir keine Sorgen.“ So eine Art Osterhase wird schon vorbeikommen. Mannhardt freut sich schon jetzt auf das Ende der Krise, auf Gemeinschaft, gemeinsames Feiern, eine herzliche Umarmung und die ersten gemeinsamen Gottesdienste. wenn er wieder in der Kirche in 400 fröhliche Gesichter blicken kann.

CLAUDIA MÖLLERS

Artikel 1 von 11