Schleißheim/Haar – Wenn die Bäume ausschlagen, endet der Winterschlaf der Marktleute. In ganz Bayern öffnen dann die Tages- und Wochenmärkte wieder. Auch Alexandra Landau rastet im Winter, um ab April quer durch Oberbayern zu düsen. Fast jedes Wochenende, bis in den Spätherbst hinein. Die 48-Jährige aus Haar im Landkreis München stammt aus der Marktfamilie Pindl. Strumpffachwaren sind das Geschäft der Pindls.
Aber dieses Jahr war das Frühlingserwachen anders als sonst. Die Existenz der Familie ist bedroht. Nicht durch die viele Internetkonkurrenz. Durch Corona. In der Not haben die fliegenden Händler nun selbst einen Onlineshop aus dem Boden gestampft. „Ich muss schauen, dass wir überleben“, sagt die Mutter zweier Buben.
Alexandra, die alle nur Sandra nennen, sitzt am Wohnzimmertisch vor ihrem Laptop. Er ist in diesen Tagen ihr Marktplatz und jede Bestellung ist ein Lichtblick. In normalen Zeiten wäre sie gerade im 30 Kilometer entfernten Schleißheim und würde die Hänger vollpacken. In Schleißheim wohnt ihre Mutter Sonja. Das elterliche Haus ist zugleich das Lager – Keller, Garage, jede freie Ecke ist vollgestopft mit Socken. In Olching, Bad Endorf und Holzkirchen wären jetzt eigentlich Märkte, ab 25. April Maidult in München. Alles abgesagt. „Anfang März ging es los. Dann kam jeden Tag eine neue Absage“, erzählt Sandra.
Die 48-Jährige jammert nicht. Anpacken ist ihr Lebensmotto. Das hat sie sozusagen mit der Marktmilch aufgesogen. Vor 50 Jahren begann ihre Mutter mit dem Sockenhandel, die Märkte Oberbayerns wurden Sandras zweites Zuhause. „Ich bin als Kind immer mitgefahren“, erzählt sie. „Ich habe das gerne gemacht. Wir hatten auch einen Wohnwagen und haben teilweise auf den Märkten gewohnt. Sogar die Ferien haben wir auf den Märkten verbracht. Ich mag es, wenn man um vier Uhr morgens rausfährt in die Natur, bei Wind und Wetter.“
Wer das Marktgeschäft kennt, weiß, dass es hart ist. Körperlich und sozial. „Da herrscht ein rauer Ton“, sagt Sandra. Als Kind habe sie das toll gefunden, als Teenager weniger. Denn während die Freunde bis in die Puppen feierten, machten sich die Pindls um vier Uhr morgens mit ihrem Verkaufsstand auf die Socken. „Als Teenie habe ich mir geschworen: Den Scheiß mach ich nicht!“, erzählt sie und lacht. Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin hieß der Fluchtversuch, letztlich führte der Weg aber zurück auf die Märkte. „Das ist halt Familie“, sagt Sandra. Vor einem Jahr übernahm sie das Steuer im Betrieb.
Dass der Karren gleich ins Wanken gerät, damit hatte sie nicht gerechnet. Die Existenzgrundlage – plötzlich weg. „Da hab’ ich sauber geheult. Ich hatte meine ganze Kraft reininvestiert.“ Aber Zustände der Resignation haben bei ihr keine lange Halbwertszeit. Sandra gehört zu jenen Menschen, die im Negativen das Positive suchen. Wo auch immer, wie auch immer. Vorwärts denken, nicht rückwärts, das gibt ihr die Kraft, die sie braucht.
Das Handy klingelt. „Hallo?“ Eine Kundin ist dran. Sie kennt die Pindls vom Markt in ihrem Ort, hat über Mundpropaganda vom Onlineshop gehört und gleich mal was bestellt. Sie will nur wissen, ob alles passt – und ein bisschen plaudern in Zeiten, in denen man so viel allein ist.
Der Markttratsch, auch der gehört zum Geschäft, und mit den Pindls kann man ganz wunderbar tratschen. Ihr offenes Gemüt und das freundliche Lächeln hat Sandra von Mama Sonja geerbt. Die 70-Jährige ist das, was man im Showgeschäft eine Rampensau nennen würde. Auf den Märkten Oberbayerns muss man das sein. Der Kampf um die guten Plätze ist hart. Über die Jahre haben sich die Pindls viele gute Plätze erkämpft: auf den Dulten in München, in Augsburg, Murnau, Puchheim, Fürstenfeldbruck und an vielen anderen Orten. Plätze, die es im Moment nicht mehr gibt. Daran ändern auch die von Ministerpräsident Söder verkündeten Lockerungen nichts. Bayerns Märkte bleiben vorerst zu.
Nun also sind die Pindls Onlinehändler. Irgendwie können sie das selbst noch nicht glauben. Neben den Märkten auch noch im Internet zu verkaufen, sei „mit Kindern eigentlich nicht machbar“, sagt Sandra. Aber die Kinder, sie sind gerade ihre große Stütze.
Zweieinhalb Wochen werkelte die Familie an ihrem Onlineauftritt. Sohn Raphael, 20, Bartträger und die coole Socke in der Familie, hat sich am Wohnzimmertisch dazugesellt. „Ich habe ein paar Skizzen gezeichnet, wie der Shop aussehen und wie man uns im Internet finden soll“, erzählt er. Der Rest habe sich „beim Machen ergeben“.
Ergeben ist ein freundliches Wort für den Kraftakt. Hunderte Artikel mussten auf die Seite. Socken aus Baumwolle, Socken aus Bambus, Socken wollig, luftig, bunt und lustig, Kuschelsocken, Stoppersocken, Sneaker, Kniestrümpfe, Socken für Babys, Geschäftsleute, Ärzte oder Sportler. Sogar Socken für Diabetiker gibt es im Pindl‘schen Kosmos.
Der Wohnzimmertisch war das Fotostudio. Auf weißem Hintergrund fotografierte Raphael Socke für Socke – ins richtige Licht gerückt mit der Schreibtischlampe. „Total dilettantisch“, findet Sandra. Texte mussten geschrieben, die Fotos freigestellt, Waschanleitungen verfasst, Farben und Größen eingegeben werden. „Das ist der letzte Affenjob“, stöhnt Sandra und ruckelt zur Betonung an ihrer Brille. Raphael nickt. 15 Minuten habe man für jeden Artikel gebraucht, erzählt er. „Morgens aufstehen und bis spät abends durcharbeiten.“ Zino sei in der Zeit regelrecht verwahrlost, scherzt er. Zino, 11, er sitzt inzwischen ebenfalls am Tisch, kneift nur verächtlich verzeihend die Augen zusammen. Bruderliebe.
Ende März war es endlich so weit. Der Shop ging online. Raphael, selbst ernannter Medienbeauftragter der Familie, warf die Werbemaschine über die Sozialen Medien an, die Mama über Freunde und Bekannte. Die Erwartungen waren nicht sonderlich hoch. „Wir dachten, das wird total chillig. So zwei Bestellungen am Tag“, erzählt Sandra.
Von wegen. Schon in der ersten Woche rauschten 80 Bestellungen rein. Nicht nur von Freunden und Bekannten, auch aus Heilbronn, Dortmund und den Niederlanden. Darauf war das Trio nicht vorbereitet. „Wir hatten anfangs gar nicht so viel Kartonagen und haben alles in Packpapier gepackt. Das war wie Weihnachten“, sagt die 48-Jährige. Eine Paketabholung gibt es noch nicht. In Corona-Zeiten dauert das. „Vor Ostern sind wir jeden Tag eine Stunde an der Post angestanden“, sagt Sandra. Wie eine Beschwerde klingt das nicht, eher wie Dankbarkeit. Denn der April ist finanziell einigermaßen gerettet.
Aber nach dem April kommt der Mai und niemand weiß, wie der Shop weiter läuft. Kurz vor Corona hatte die Familie noch viel Geld in das Geschäft investiert, unter anderem für einen weiteren Anhänger. Denn auch Mama Sonja fährt noch mit auf die Märkte. Sandra blickt aus dem Fenster und sagt: „Ich hoffe, dass die Märkte spätestens im Juni weitergehen, sonst zerreißt es uns finanziell und ich muss mir eine andere Arbeit suchen. Ich muss schließlich schauen, dass wir überleben.“ WOLFGANG HAUSKRECHT
Onlineshop
Wer neue Socken gebrauchen kann: Der Shop der Familie Pindl findet sich unter www.socken-pindl.de.