München – Eine Milch-Krise, das betont Ruth-Maria Frech aus Irschenhausen (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), sei es bis jetzt noch nicht. Aber auf größere Investitionen wird sie in nächster Zeit trotzdem erst einmal verzichten. Die 29-Jährige hat 2017 die Landwirtschaft ihrer Eltern übernommen, rund 50 Milchkühe stehen in ihrem Stall. „Ich habe schon Respekt vor der Situation jetzt“, sagt sie. „Man weiß ja nicht, wie sich alles weiterentwickelt und wie es mit dem Milchpreis weitergeht.“
Denn die Corona-Krise wirbelt den Milchmarkt durcheinander. Bis jetzt liegt der Preis in Bayern zwar noch konstant bei durchschnittlich 35,1 Cent pro Liter konventionelle Milch – aber das kann sich schnell ändern. „Die Lage ist sehr heterogen“, sagt Markus Drexler vom Bayerischen Bauernverband. „Im Einzelhandel hat sich die Nachfrage nach Milch erhöht, aber der Export ist eingebrochen.“ Weil Restaurants sowie viele Kantinen und Mensen geschlossen haben, könnten die Molkereien außerdem weniger Milch an Großkunden verkaufen.
Eine Prognose möchte auch Hans-Jürgen Seufferlein, Direktor des Verbands der Milcherzeuger Bayern, nicht abgeben. „Langfristige Aussagen zum Milchpreis sind sehr schwierig“, sagt er. Fest steht: „Fast jeder zweite Liter Milch verlässt Bayern“, erklärt er. Vor allem südeuropäische Länder wie Italien, Spanien und Portugal waren sichere Märkte für die Molkereien. „Und sie fallen jetzt weg“, sagt Seufferlein. Gleiches gelte für viele asiatische Absatzmärkte.
Er rät, die Milchmenge wo möglich zu reduzieren und eine überschaubare Menge an haltbaren Produkten wie zum Beispiel Milchpulver einzulagern. „Wenn der Vorrat zu groß ist, kann der Milchpreis später wieder belastet werden, wenn sich der Markt normalisiert“, erklärt er. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter hat ebenfalls zur Lagerhaltung und zur Drosselung der Milcherzeugung aufgefordert. Dazu sollen die Landwirte den Tieren weniger Kraftfutter geben, lautet die Empfehlung.
„Aber so einfach ist das nicht“, sagt Ruth-Maria Frech. „Die Tiere brauchen das Futter, es ist wie der Eiweiß-Shake für den Leistungssportler.“ In ihrer Milchtankstelle am Hof bietet sie Rohmilch an, außerdem vermarktet sie ihre Milch an eine Molkerei, die daraus hauptsächlich Käse produziert. Zudem verkauft sie das Rindfleisch. Mehr Tiere zum Schlachter zu bringen, um die Milch zu reduzieren, kommt für sie derzeit nicht infrage. „Ich hab keine Not und Platz im Stall“, sagt sie. Frech ist froh darüber, denn: „Der Fleischpreis ist enorm gesunken.“ Das liege unter anderem daran, dass auch hier der Bedarf geringer ist, da die Gaststätten geschlossen sind.
„Die Nachfrage hat sich geändert“, bestätigt Markus Drexler. Neben dem Milchmarkt beeinflusst das zum Beispiel auch den Kartoffelmarkt. „Weil die Veranstaltungen abgesagt sind, ist der Verbrauch von Kartoffeln für Pommes komplett am Boden“, sagt er. „Dafür werden mehr verpackte Speisekartoffeln nachgefragt.“ Doch so schnell könnten die Landwirte auf die veränderte Situation nicht reagieren. „Man kann nicht kurzfristig alles neu aussteuern“, sagt er.
Weil für viele Landwirte durch die Corona-Krise mehrere Einnahmequellen wegfallen und in vielen Bereichen der Preisdruck wächst, unterstützt die Molkerei Berchtesgadener Land ihre Milchlieferanten mit einer einmaligen Corona-Soforthilfe in Höhe von 1000 Euro pro Betrieb. Die Einkünfte aus der Milchproduktion blieben für die Bauern konstant, betont die Genossenschaft.
Generell ist es so, dass Bayerns Landwirte noch die ganze Milch verkaufen können. „Auch wenn für manche Molkereien der Absatz schwieriger ist, wird keine Milch weggeschüttet“, betont Hans-Jürgen Seufferlein. „Das wäre den Verbrauchern auch nicht zu vermitteln.“