SICHTWEISEN

Warum mir das Virus keine Angst macht!

von Redaktion

VON UNSEREM WIRTSCHAFTSREDAKTEUR MARTIN PREM

„Ich werde in wenigen Tagen 62 Jahre alt und bin wegen einer Krebserkrankung in ärztlicher Behandlung. Daran werde ich voraussichtlich nicht sterben. Beide Umstände haben mir nun aber einen Status eingebracht, um den ich mich nicht bemüht habe: Ich bin dadurch ,besonders gefährdet‘.  Es verhält sich nun genau umgekehrt wie beim derzeit vielbesungenen Partisanen in ,Bella Ciao‘ , der bereit ist, für die Freiheit zu sterben. Nun wird die Freiheit aller geopfert, damit ich leben kann. Mit diesem Gedanken fremdle ich doch sehr.

Klar: Ich halte Abstand, wasche mir gründlich die Hände und meide Situationen, in denen ich Distanz zu anderen nicht gewährleisten kann. Und ich finde, alle sollen das tun. Denn nur so wird es uns gelingen, die Überforderung unseres Gesundheitssystems so gering wie möglich zu halten und die Zahl vermeidbarer Opfer zu begrenzen.

Dennoch muss ich mich der Wirklichkeit stellen: Bevor ein Impfstoff entdeckt, entwickelt, getestet und in genügender Menge produziert sein kann, werde ich mich mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Sars-CoV-2 infizieren. Ich werde mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an Covid-19 erkranken und mit einer sehr viel geringeren Wahrscheinlichkeit daran sterben.

Das aber ist meine geringste Sorge: Die Angst vor dem Tod ist mir wohl abhanden gekommen, als ich zwei enge Angehörige an ihren letzten Lebenstagen intensiv begleiten durfte.

Keine Angst, im Gegenteil: Das Wissen um die Endlichkeit des Lebens spornt mich an, jeden Tag, der mir geschenkt ist, mit Freude anzugehen und möglichst jeden Tag mit Sinn zu füllen. Die Gewissheit des Todes hat mein Leben reicher gemacht.

Ich lebe gerne. Falls ich 72, 82 oder mit sehr viel Glück sogar 92 Jahre alt werde, und vielleicht sogar Urenkelinnen und Urenkel erleben darf, werde ich mich sicher fragen, womit ich so viel Glück verdient habe. Aber das liegt nicht in meiner Hand.  Kummer bereitet mir aber, dass aus Sorge auch um mich so viele Menschen jetzt um ihre wirtschaftliche Existenz bangen müssen. Ich fürchte, dass viele kleine Geschäfte, denen es sogar verwehrt wird, mit einem kontaktfreien Notbetrieb ums wirtschaftliche Überleben kämpfen zu können, trotz aller Hilfen nicht über die Runden kommen.  Zehntausende, vielleicht Hunderttausende, könnten am Ende vor den Trümmern ihres Lebenswerks stehen, und viele von ihnen darüber am Leben verzweifeln.  Nicht nur deshalb halte ich das derzeit wohlfeile Motto ,Gesundheit geht vor Wirtschaft‘ für unendlich dumm. Wir könnten am Ende beides verlieren. Dann nämlich, wenn wir uns um das ökonomische Potenzial bringen, auch der nächsten Pandemie kraftvoll (und dann hoffentlich vorbereitet) entgegentreten zu können.  Denn eines ist sicher: Nach HIV, SARS, MERS, Ebola und Sars-CoV-2 werden noch andere – und vielleicht gefährlichere – Erreger über diese Welt hereinbrechen. Ich werde dann älter sein, bin vielleicht auf Hilfe angewiesen und werde möglicherweise in einem Heim wohnen.

Und ich werde dann vermutlich aus Sorge um mein Leben einer Besuchs- und Kontaktsperre unterworfen und womöglich in Unfreiheit sterben. Meine größte persönliche Sorge ist jetzt schon, dass sich auch dann keiner dafür interessiert, ob ich das wirklich will.“ foto: marcus schlaf

Artikel 1 von 11