Schausteller kämpfen ums Überleben

von Redaktion

Die Stände und Fahrgeschäfte sind auf Vordermann gebracht, die Waren gekauft: Eigentlich wären Schausteller und Marktkaufleute bereit, in die Saison zu starten. Doch wegen der Corona-Krise fallen alle Veranstaltungen aus. Die Branche kämpft um ihre Existenz.

VON BEATRICE OSSBERGER

München – Manuela Müller-Manz hatte mit der Absage gerechnet. „Aber“, sagt sie, „ich hatte doch gehofft, dass Märkte und Volksfeste spätestens Ende Mai wieder stattfinden und wir arbeiten dürfen.“ Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Zwar lockerten Bund und Länder in der vergangenen Woche einige der Corona-Beschränkungen, Großveranstaltungen aller Art hingegen wurden bis Ende August verboten.

Betroffen von dem Verbot sind in Bayern auch hunderte von Marktkaufleuten und Schaustellern, die wie Müller-Manz und ihr Mann auf den Märkten und Volksfesten ihr Geld verdienen – und jetzt keine Einnahmen haben. Mit ihrem Stand für Kräuter und Tees würde die 44-Jährige aus Bobingen jetzt auf der Augsburger Dult stehen, ihr Mann Paul auf einem Volksfest Pizza verkaufen. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Müller-Manz.

Marktleute und Schausteller trifft die Absage auch deshalb so hart, weil sie gerade aus der Winterpause kommen. „Die meisten haben das letzte Mal am 23. Dezember Geld verdient“, sagt Wenzel Bradac, Präsident des Bayerischen Verbandes der Marktkaufleute und Schausteller. Von Januar bis März bringen sie ihre Stände und Fahrgeschäfte auf Vordermann. Es wird repariert, renoviert und Ware für die kommende Saison gekauft.

„Ich habe Kollegen, die haben ein volles Lager mit Teddybären oder Spielwaren“, sagt der 74-Jährige. „Alles bereits bezahlt.“ Andere hätten hohe Schulden gemacht, weil größere Reparaturen anstanden, und könnten jetzt die Kredite nicht bedienen. „Die Branche“, fasst Bradac zusammen, „kämpft um ihre Existenz.“

Daran ändert auch die Corona-Soforthilfe wenig. Der Verbandschef ist der Staatsregierung zwar dankbar, dass auch Marktkaufleute und Schausteller diese Hilfe beantragen können. „Das hilft kurzfristig aber vor allem kleineren Betrieben“, sagt er. Für größere Betriebe hingegen sei die Soforthilfe zu wenig. Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten erhalten in Bayern einen Zuschuss von bis zu 9000 Euro. Das muss für drei Monate reichen.

Robert Eckl betreibt mit seiner Familie und vier Angestellten vier Fahrgeschäfte. „Auch wir haben im Winter in unseren Betrieb investiert“, sagt der Münchner. Es gehe darum, konkurrenzfähig zu bleiben. Vor allem aber wolle man dem Besucher jedes Jahr etwas Besonderes bieten. „Unser Beruf ist es, Freude zu bereiten“, sagt Eckl. „Diesen Auftrag nehmen wir ernst.“

Für einen neuen Ausschank hat der Unternehmer heuer 240 000 Euro aufgenommen, 20 000 Euro kosteten die Wartungsarbeiten an den Fahrgeschäften. Einen Großteil dieser Ausgaben hat die Familie über Kredite finanziert, die jetzt abgezahlt werden müssen. Dazu kommen Kosten wie Versicherungen, TÜV und Dekra. „Allein unsere Transportversicherung, die jetzt fällig ist, beläuft sich auf 8000 Euro“, sagt Eckl. Er sei froh, betont auch er, dass es die Soforthilfe gebe. Er sagt aber auch: „Diese Hilfe ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Verbandspräsident Bradac hofft, dass das Verbot doch noch vor August gelockert wird. „Dass wir, unter Auflagen, kleinere Veranstaltungen durchführen können.“ Der Verband würde gerade daran arbeiten, wie diese Auflagen aussehen könnten. Offene Bierzelte mit weniger Gästen ist eine Idee, mehr Desinfektionsspender und mehr Ordner, die für die Einhaltung der Abstandsregeln sorgen, eine andere. „Gesundheit geht vor“, sagt Bradac.

„Wir brauchen noch für dieses Jahr eine Lösung“, sagt der Schausteller Robert Eckl. „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch viele unserer Zulieferer betroffen sind. Bäcker, Metzger, Plüschtier- und Süßwaren-Lieferanten verlieren dadurch, dass wir nicht arbeiten dürfen, einen wichtigen Teil ihrer Einnahmen.“

Was passiert, wenn in diesem Jahr überhaupt keine Volksfeste und Märkte mehr erlaubt werden, mag sich der 56-Jährige gar nicht ausdenken. „Unsere Rücklagen sind jetzt schon weg“, sagt er. „Wir werden dann alles verpfänden müssen, was wir haben. Wir werden als Lkw-Fahrer arbeiten und als Elektriker, um über die Runden zu kommen. Wir können dann nur hoffen, dass wir es schaffen.“

„Ich werde mich weigern, aufzugeben“, sagt die Marktkauffrau Manuela Müller-Manz. „Bei einem Verbot für das ganze Jahr werden mindestens 20 Prozent unserer Betriebe in die Insolvenz gehen“, sagt Verbandspräsident Wenzel Bradac. „Viele Menschen werden ihre Existenz verlieren, und ein Teil unserer 1200-jährigen Tradition wird dann unwiederbringlich verloren sein.“ Er werde dafür kämpfen, dass es nicht so weit kommt.

Artikel 10 von 11