Kleine Ideen gegen große Enttäuschungen

von Redaktion

TAGEBUCH EINER MUTTER Wie das Virus den Alltag einer Sauerlacher Familie verändert

Anja Vogler-Matauschek lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Sauerlach (Kreis München). Für unsere Zeitung schreibt die 47-jährige Sozialpädagogin ein Tagebuch über das Familienleben mit Ehemann und drei Söhnen (18, 16 und 13 Jahre) in Zeiten von Corona und Schulschließungen.

Mittwoch, 15. April

Endlich kommt der Frühling mit Riesenschritten zu uns. Bis dahin müssen wir geduldig sein, wie mit vielen Dingen in dieser Zeit. So auch mit dem Wiedereinsieg in die Schule. Heute wurde festgelegt, dass es weiter Homeschooling geben wird. Von Begeisterung keine Spur. Wir überlegen, wie wir noch mal erfolgreich zum Schulmodus ohne Schulgebäude übergehen werden. Noch fünf freie Tage. Wir atmen tief durch.

Donnerstag, 16. April

Mir fallen drei spannende Experimente-Bücher in die Hände. Begeistert präsentiere ich die Anleitungen, aber drei stirnrunzelnde Gesichter blicken mir entgegen. „Mama, aus dem Alter sind wir raus.“ Ja richtig, das stimmt, hatte ich vergessen. Weil ich dann aber scheinbar sehr wehmütig schaue, erbarmen sich zwei Burschen, mir zuliebe drei kleine Versuche am Abend vorzuführen. Zuschauer und Vorführer sind gleichermaßen gespannt, und weil die Experimente verblüffenderweise klappen, sind alle positiv überrascht. Vielleicht doch noch warten mit der Weitergabe der Bücher? Möglicherweise kommt noch mal der Moment, wo eine bereits getestete Idee für Kurzweil sorgen muss.

Freitag, 17. April

Um das Durchhaltevermögen aller Familienmitglieder zu erhalten, versuche ich, mir kulinarisch immer wieder was Neues einfallen zu lassen. Dabei ist scheinbar ein Funken auf den Nachwuchs übergesprungen. Jedenfalls bemühen sie sich, uns mit Eigenkreationen zu überraschen. Natürlich werden Vorlieben dabei sichtbar und – so ein Zufall – wird sich manchmal ein persönlicher Wunsch erfüllt. Dass Töpfe anbrennen und hin und wieder etwas zu Bruch geht, verstehen wir als Kollateralschaden. Immerhin sind jetzt alle drei ziemlich versiert im Umgang mit Küchengeräten. Aber nur während der Benutzung, nicht danach. „Reinigung und Verstauung der Arbeitsmaterialien ist etwas für Fortgeschrittene!“, vernehme ich von dem Ältesten. Steilvorlage für den Zweiten: „Schau, Mami, das ist die perfekte Arbeitsteilung: Wir machen die Shakes und du putzt die Küche!“

Samstag, 18. April

Unser Abiturient ist niedergeschlagen, weil jetzt auch der Abiball abgesagt wurde. Wir verstehen das und es tut uns sehr leid für den Jahrgang. Zwölf Jahre Schule und dann ein klangloser Abgang, das ist wirklich traurig. Wir versuchen die Enttäuschung aufzufangen. Zwar ist eine Familienparty ein kläglicher Ersatz, aber vielleicht ein kleiner Trost. Und außerdem: Immer nur Spiele- und Fernseh-Abende im Wechsel sind auf die Dauer öde, es muss etwas Abwechslung her. Also verabreden wir uns mit der Familie meiner Schwester aus Norwegen im Netz. Für das Programm sollte sich jeder einen Beitrag überlegen. Die Oma ist live zugeschaltet. Für die Jungs muss auf jeden Fall eine Bar dabei sein und in Windeseile tischen sie alles Flüssige, was unser Haushalt zu bieten hat, auf. Dann wird wild gemixt und die Ergebnisse sorgen für Heiterkeit. Natürlich dürfen Musik und Tanz auch nicht fehlen und schon tritt ABBA auf. Die ganze Familie singt und zappelt mit. Danach geht es ruhiger zu, die Schwester hat ein Online-Quiz über „Kahoot“ erstellt und alle raten mit. Dann wird Pantomime gespielt. Natürlich holpert es manchmal mit der Kommunikation über hunderte Kilometer, aber das sind wir ja in den vielen Wochen der digitalen Begegnung schon gewöhnt. Nur das Abschiednehmen so ohne Umarmung fällt immer noch schwer.

Sonntag, 19. April

Jedes Jahr um diese Zeit pilgern wir zu unserem Bärlauchfleck und pflücken zur vielfältigen Verarbeitung. Dieses Jahr ist das nicht möglich, also halten wir nach einem anderen Fundort im nahe gelegenen Wald Ausschau. Entweder hatten viele die gleiche Idee oder in unserer Gegend wächst das Kraut einfach nicht. Vielleicht ist es auch einfach zu trocken. Aber wir genießen die Waldesluft und das Vogelgezwitscher. Was für ein Segen, dass wir uns draußen frei bewegen können. Und die beste Nachricht in dieser Woche ist die, sich wieder zu zweit mit Abstand treffen zu können. Als hätte man auf den Los-Knopf gedrückt, verabredet sich unser Jüngster täglich mit einem seiner Freunde. Die Familie als Basislager ist okay, aber die spannenden Abenteuer finden eben doch draußen in der Welt statt.

Montag, 20. April

Tag eins von Teil zwei von „Schule daheim“ hat begonnen. Hinter uns liegen zwei besondere Ferien-Wochen. Dieser Montag kommt mir wie ein Déjà-vu vor. Um halb zehn richte ich die Brotzeit und doch, wenn ich bedenke, wie stressig dieser Montagmorgen nach den Ferien immer ist, läuft es sehr gemächlich ab. Wie sind wir doch alle getaktet in unserem Alltag und müssen ständig schauen, nicht zu kollidieren mit der allgemeinen Terminflut. Wie schön wäre es, wenn wir uns von den positiven Dingen etwas bewahren könnten, welche die Ausgangsbeschränkungen mit sich bringen: zum Beispiel die Ruhe und die Entschleunigung, aber auch den Austausch miteinander, den Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens. Ich hoffe, das wird uns wenigstens ein bisschen gelingen, wenn wir uns alle wieder im Hamsterrad befinden.

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