Pflege unter Krisen-Bedingungen

von Redaktion

Dank der ambulanten Pflegedienste können auch während der Corona-Krise Pflegebedürftige weiter zu Hause leben. Doch gerade ist die Arbeit für die Pfleger besonders belastend – und der Mangel an Schutzmaterial ein „exorbitant großes Problem“.

VON CLAUDIA SCHURI

München – „Es ist ein super toller, schöner Beruf“, sagt Manuela Thanner. Ihr Job ist ihre Berufung – daran ändert auch die Corona-Krise nichts. Die 57-Jährige arbeitet bei einem ambulanten Pflegedienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Kreis Wunsiedel. Rund acht Personen besucht Thanner bei einer Tour. Manche sind noch mobil und brauchen nur kleine Hilfestellungen, andere sind bettlägerig. Momentan trägt sie eine Mundschutzmaske. „Am besten wäre es, wenn wir die Masken bei jedem Klienten wechseln könnten“, sagt sie. „Aber wir haben nur eine Maske pro Tour.“ Dabei ist der Kontakt zwischen ihr und den Pflegebedürftigen oft sehr eng. „Pflege ist körperliche Nähe“, erklärt Thanner. „Ich kann jemanden nicht mit eineinhalb Metern Abstand waschen.“

Eine Situation, die auch Alexander Wagner, ehrenamtlicher Leiter des Pflegedienstes, große Sorgen macht. „Es ist eine Katastrophe“, sagt er. „Die ambulante Pflege ist das letzte Glied in der Kette bei der Versorgung mit Schutzausrüstung.“ Er ist froh, dass es bei ihm noch keinen Corona-Fall gegeben hat. „Dann hätten wir ein Problem.“ Seine Pfleger versorgen 35 Klienten – dafür stehen nur neun Masken mit höchster Schutzfunktion zur Verfügung. Natürlich hat Wagner mehrere Vorsorgemaßnahmen ergriffen: Zum Beispiel fahren die Pfleger immer die gleichen Touren und desinfizieren sich noch öfter die Hände. „Wenn Mitarbeiter eine Erkältung haben, bleiben sie sofort zu Hause“, betont er. Zweimal hat er Schutzmaterial von der Versorgungsstelle bekommen. „Aber viel zu wenig, es ist in einer Woche aufgebraucht“, berichtet er.

So geht es vielen Pflegediensten in Bayern, berichtet Philipp Buchta, Fachreferent für Ambulante Pflege im AWO-Landesverband. „Der Mangel ist ein exorbitant großes Problem“, sagt er. Um die medizinisch notwendige Pflege zu gewährleisten, müssten andere Angebote eingeschränkt werden. „Viele Dienste haben zum Beispiel haushaltsnahe Dienstleistungen reduziert“, berichtet er. „Es wird sozial gestaltet, damit niemand vereinsamt.“

Auch die Caritas verspricht niemanden zurückzulassen. „Auch wer erkrankt ist, wird versorgt“, sagt Sprecher Tobias Utters. Er betont: „Die Menschen, die ambulant versorgt werden, sind gut geschützt.“ Doch die Ressourcen sind knapp. „Wir versuchen unser Möglichstes, Lagerbestände aufzubauen“, sagt er, „aber es ist schwer.“

Beim Bayerischen Roten Kreuz sind ebenfalls durchgehend Mitarbeiter damit beschäftigt, Material zu beschaffen. „Die Preise sind horrend“, sagt Sprecher Sohrab Taheri-Sohi. Das BRK hat ein eigenes Beschaffungssystem. Das Material wird zentral besorgt und auf die Kreisverbände verteilt. „Es wird dann wieder an die jeweiligen Dienstbereiche verteilt“, sagt er. „Unser Ziel ist, alle Dienste aufrechterhalten zu können.“ Dazu zähle die ambulante Pflege. „Wir machen alle Anstrengungen, um Ausfälle möglichst auf ein Minimum zu reduzieren.“

„Im normalen Maße“ läuft auch die ambulante Pflege bei den Johannitern, wie Sprecherin Carolin Mauz sagt. Die Versorgung mit Schutzausrüstung sei regional unterschiedlich, „aber noch kommen wir zurecht“, erklärt sie. „Es ist alles schwierig zu planen.“ Die Johanniter haben ein neues Angebot für pflegende Angehörige: Unter www.johanniter-pflegecoach.de bieten sie kostenlose Pflegekurse an. Das war bereits vor Corona geplant. „Aber jetzt ist Unterstützung besonders wichtig, weil die Tagespflege geschlossen hat“, sagt Mauz. Manche Angehörigen möchten zudem gerade nicht, dass Pfleger ins Haus kommen. „Auch sie profitieren“, erklärt sie.

Viele allein lebende Pflegebedürftige dagegen freuen sich gerade jetzt auf den Besuch, erzählt Pflegerin Manuela Thanner. „Den älteren Herrschaften fehlt der Kontakt“, sagt sie. „Das Schlimmste ist für viele, dass sie ihre Enkel nicht sehen dürfen.“ Die Freude der Senioren über einen Ratsch macht sie selbst glücklich – darum mag sie ihren Beruf.

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