Die Telefonnummer der Corona-Krise

von Redaktion

Die Nummer 116 117 gab es schon lange, bevor in Bayern die Corona-Krise ausgebrochen ist. Doch das Virus hat den ärztlichen Bereitschaftsdienst komplett auf den Kopf gestellt. Die Kassenärztliche Vereinigung musste ein System aufbauen, das täglich bis zu 40 000 Anrufe bewältigen kann. Und das innerhalb von 72 Stunden.

VON KATRIN WOITSCH

München – Im Zentralarchiv der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern wird die Corona-Krise noch zehn Jahre greifbar sein. Gut sortiert, abgeheftet in tausenden Ordnern. In jedem davon hunderte Fax-Nachrichten aus den Laboren. Es sind die guten Nachrichten, die hier gesammelt sind. Denn wenn das Labor ein Fax an die KVB schickt, dann war der Corona-Test eines Anrufers negativ – die Meldungen über positiv Getestete gehen direkt an die Gesundheitsämter. Sie führen die Statistik und sie informieren die Corona-Infizierten.

Etwa zehn Prozent der Tests waren positiv in den vergangenen Wochen, berichtet der KVB-Regionalleiter Reno Thoß. Das bedeutet, dass der Großteil der Fälle bei der KVB gelandet ist. Sie ist zuständig für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, der über die Nummer 116 117 zu erreichen ist. Diesen Dienst gibt es seit Jahren. An Spitzentagen sitzen bayernweit rund 50 Mitarbeiter an den Telefonen und nehmen die Anrufe von Menschen entgegen, die gesundheitliche Probleme haben. So war es bis Ende Februar. Dann kam Corona.

„Der Stichtag war der 25. Februar“, erzählt Gökhan Katipoglu, Leiter der KVB-Notdienste. Er war ins Gesundheitsministerium gebeten worden. Dort wurde verkündet, dass mit der Rückreisewelle zum Ende der Faschingsferien die Zahl der Corona-Infizierten in Bayern in die Höhe schnellen könnte. Katipoglu und sein Team hatten nicht mal drei Tage Zeit, um sich darauf vorzubereiten. 72 Stunden für ein organisatorisches Hexenwerk.

„Unser Ziel war, dass die Rückkehrer, die Symptome bemerken, nicht in die Arztpraxen gehen – sondern sich von zu Hause Rat holen“, erklärt Katipoglu. Die KVB musste die Fahrzeuge für die Bereitschaftsärzte von 168 auf 226 aufstocken. Sie musste kistenweise Schutzausrüstung beschaffen – als auf dem Markt schon kaum noch etwas erhältlich war. Und vor allem musste sie die Zahl der Agenten aufstocken – also der Helfer, die die Anrufe entgegen nehmen. „Wir hatten die vergangenen Wochen mehr als 700 Helfer dafür im Einsatz“, berichtet er. Viele meldeten sich freiwillig bei der KVB. Lehrer, Menschen in Kurzarbeit, alle, die Zeit übrig hatten. Die Konferenzräume im obersten Stock der KVB-Zentrale wurden in Telefonarbeitsplätze verwandelt. „Natürlich mit ausreichendem Abstand“, sagt Katipoglu. Absoluter Spitzentag war der 16. März, berichtet Reno Thoß. „An diesem Montag haben wir rund 40 000 Anrufe entgegen genommen.“ Vor Corona waren es etwa 1300 täglich.

Die KVB-Mitarbeiter lassen sich von den Anrufern die Symptome schildern. Wenn es sich um eine Corona-Infektion handeln könnte, wurden in der Anfangszeit Bereitschaftsärzte vorbeigeschickt, die in Schutzkleidung den Rachenabstrich vorgenommen haben. Die Probe ging ans Labor – die negativen Ergebnisse landeten wieder bei der KVB. „Am Anfang war es eine Flut von Faxen, die gar nicht alle richtig zugeordnet werden konnten“, berichtet Katipoglu. Viele kamen zwei- oder dreimal, nicht alle enthielten die notwendigen Kontaktdaten – auch die Labore waren mit der Flut der Proben zunächst überfordert. Inzwischen ist das System gut eingespielt. Zu jedem Getesteten gibt es Telefonnummern. „Mittlerweile bekommen alle Menschen mit negativem Bescheid nach zwei bis drei Tagen eine automatisierte SMS.“ Und inzwischen gibt es Test-Stationen, die Betroffene mit dem Auto durchfahren können. Doch auch, wenn die Corona-Ängste etwas nachgelassen haben, die Zahl der besorgten Anrufer ist nach wie vor hoch, berichtet Katipoglu. „Wer früher wegen Magenschmerzen zum Hausarzt gegangen ist, ruft jetzt lieber bei uns an, um kein Infektionsrisiko einzugehen.“

Was von Corona bleibt, sind nicht nur die vielen archivierten Ordner. Sondern auch ein gewisser Stolz darauf, was die KVB trotz anfänglicher Schwierigkeiten seit Februar geleistet hat, sagt Regionalleiter Thoß. „Wir haben große Solidarität erlebt in den vergangenen Wochen. Und wir wissen nun, was wir in Krisen-Zeiten stemmen können.“

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