„Wo hab i denn bloß wieda mei Bruin?“, jammert die Oma. „Hast as vielleicht du irgendwo gsehng, Fritzl?“ Der Enkel grinst. „Schaug in Spiagl nei, Oma, na siehgst as!“ Jetzt geht der alten Dame ein Licht auf. Sie langt sich ans Hirnkastl und wird sogleich fündig. „Des is ma jetz scho öfters passiert“, sagt sie, lächelt verschämt und drückt sich die Sehhilfe wieder auf die Nase.
Wer seine Brille noch nie gesucht hat, der werfe den ersten Stein! Wie soll man die gedankenlos irgendwohin Gelegte auch ohne die gewohnte Blickverschärferin gleich wiederfinden! Im Etui, wohin sie eigentlich gehörte, ist sie jedenfalls nicht, vielleicht hat man sie im Keller liegen gelassen, auf der Kühltruhe oder beim Zähneputzen am Toilettentisch? Leider nein. Auch in der Hutablage, im Lodenmantel und neben dem Telefon liegt sie nicht. Endlich, als man die Suche schon aufgegeben hat, taucht sie unversehens auf – im Handschuhfach des Autos. Wer zusätzlich noch eine Lesebrille hat und behauptet, noch nie eine der beiden Unentbehrlichen verlegt zu haben, kann auch ohne Brille sofort als Lügner gesehen werden. Wenn schon Kleinkinder ihre Gläser im Sandkasten vergraben zurücklassen, brauchen sich auch Rentner nicht zu schämen, tauchen die ihren nach tagelanger Suche zum allgemeinen Erstaunen in einem abgehatschten Pantoffel wieder auf.
Manche tragen ihr Brillchen permanent an einem Kettchen an den Hals gefesselt. Brill-Äffchen sind sie zwar deshalb noch lange nicht, aber ihr Hang zur Vergesslichkeit ist praktisch für alle sichtbar.
Dem Spruch „Gut gebrüllt, Löwe“ sollte endlich ein „Gut gebrillt, Schlange“ gegenübergestellt werden. Womit beileibe nicht gesagt sein soll, dass jedes bebrillte weibliche Wesen gleich zur Brillenschlange mutiert. Im Gegenteil: So manche modische Brille macht sogar koketter, flotter, anmutiger. Übrigens: Die Floskel „Mein letzter Wille – eine Frau mit Brille“ stammt offensichtlich von einem grobschlächtigen Kontaktlinsenträger.
Zur Intelligenzbestie wird der Brillenträger zwar nicht ohne Weiteres, aber ein Hauch von Oberinspektor, Belesenheit und Durchblick ist ihm nicht abzusprechen. Oder gar von Vornehmheit? Schon wer die Vorreiterin der Brille, das Lorgnon, benutzte, den umschwebte – Kaiserin Sisi lässt grüßen – der Geruch von gehobenem, wenn nicht gar adligem Stande. Der gemeine Mann hingegen hatte sich mit dem Zwicker, dem Brillen-Großvater ohne Bügel und ohne Fassung, zu begnügen.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen. Diese neue Spruch- Variante wurde kürzlich für den Maßschneider, gleichfalls gelegentlich Brillenverleger, zur traurigen Wahrheit. Seine Lieblingssendung hatte eben begonnen, und er machte sich hektisch auf die Suche nach seiner Augenhilfe. Als er sie endlich fand, ausgerechnet auf dem Fensterbrett oberhalb einer ganz anderen, ungleich größeren Brille, und zum Fernsehsessel eilte, war gerade Pause und ein Werbe-Spot begann den andern zu jagen. Der wiederbebrillte Maßschneider fühlte sich gleichzeitig verspotet und verspottet.
An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber