München – Heute wird Enrico Corongiu noch einmal in sein Büro beim Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes fahren. Nicht ohne Wehmut, denn es ist der letzte Arbeitstag für den stellvertretenden Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Zum ersten Mai beginnt ein neuer Abschnitt im Leben des 41-Jährigen. Der SPD-Mann ist zum Bürgermeister von Mittenwald gewählt worden, der 7000-Einwohner-Gemeinde zwischen den Gipfeln von Wettersteingebirge und Karwendel. Am Montag übergibt ihm sein Vorgänger Adolf Hornsteiner offiziell den Schlüssel zum Rathaus. Und damit die Verantwortung für die Gemeinde.
In ganz Bayern findet zum 1. Mai ein großes Stühlerücken in den Kommunen statt. 802 neugewählte Bürgermeister treten ihr Amt an, dazu 20 neue Landräte. Und das in einer Zeit, in der die Folgen der Corona-Pandemie nicht nur aufs Gemüt der Bürger, sondern auch auf den Geldbeutel der Gemeinden drücken.
Auch in Mittenwald wirbelt Corona den kommunalen Alltag durcheinander. Die Konstituierende Sitzung des Gemeinderats wird in einer Turnhalle stattfinden, um genügend Abstand zum Schutz vor einer Infektion gewährleisten zu können. „Ich stecke schon mitten in den Vorbereitungen, um diese Sitzung nicht unnötig in die Länge zu ziehen“, sagt Corongiu. Auch wenn er beim Sitzungsablauf als Gemeinderat schon eine gewisse Erfahrung hat – als Bürgermeister warten doch allerlei weitere Fallstricke von der Haushaltsplanung über die Personalleitung bis zum Baurecht. „Da hilft nur: einlesen“, sagt er. Und die Unterstützung des Vorgängers. „Er hat sich wirklich viel Arbeit gemacht, um alles gut zu übergeben. Darüber bin ich sehr froh.“
Eine ordentliche Amtsübergabe ist in diesen Zeiten wichtiger denn je, betont Wilfried Schober vom Bayerischen Gemeindetag. Denn eigentlich bietet der Verband den neugewählten Bürgermeistern einen Drei-Tage-Crashkurs mit den wichtigsten Fragen zum Start im Rathaus. Doch diese Kurse müssen heuer wegen Corona vorerst ausfallen. „Diesmal muss es leider ohne die Trockenschwimmübungen funktionieren“, sagt Schober. Gerade angesichts der vielerorts angespannten Haushaltslage wegen wegbrechender Steuereinnahmen appelliert Schober an die abgewählten Bürgermeister: „Bitte nicht einfach nur den Schlüssel übergeben und sagen: Viel Glück.“
Allerdings kann nicht nur der Amtsvorgänger helfen, wie Sabrina Kaestner erfahren hat. Die 31-Jährige hat in Marktleuthen im Fichtelgebirge – 300 Kilometer Luftlinie von Mittenwald entfernt – die Stichwahl gewonnen. Nach einem scharfen Wahlkampf hat sich der geschlagene Amtsvorgänger in den Urlaub verabschiedet. Also springen der Hauptamtsleiter und die stellvertretenden Bürgermeister bei der Übergabe mit ein. Denn die junge CSU-Bürgermeisterin hatte bislang kein politisches Mandat. „Da werden sicher noch einige Dinge aufschlagen in den nächsten Wochen, von denen ich noch nicht einmal geahnt habe, dass es sie gibt“, sagt Kaestner, die heute ihren letzten Arbeitstag bei einer regionalen Wirtschaftsmarketingagentur hat. Zur Vorbereitung hat sie per Videokonferenz an einem Kurzworkshop der Jungen Union teilgenommen. Trotzdem hofft sie, dass der Crashkurs des Gemeindetags noch nachgeholt werden kann. „Gerade um Kollegen kennenzulernen.“ Die ersten Amtshandlungen stehen für Kaestner aber schon am Wochenende an: Glückwunschanrufe für Geburtstagskinder aus der Stadt, ehe sie in den nächsten Wochen mit ihren Visionen für eine neue Gestaltung des Stadtzentrums beginnen kann.
Enrico Corongiu will sich in Mittenwald als erstes einen Überblick über die aktuellen Finanzen verschaffen. „Oberste Priorität wird ein vernünftiger Haushalt sein, mit dem die Gemeinde ihre Pflichtaufgaben erfüllen kann.“ Dabei setzt er auf die Unterstützung der Gemeinderatsfraktionen. Und er will dafür auch eine Tradition seines Vorgängers fortführen. Der hatte im Dienstzimmer immer ein Fläschchen, um etwa nach Treffen mit den Fraktionssprechern auf gefundene Kompromisse mit einem Nussschnaps anzustoßen. „Das war durchaus förderlich für die Zusammenarbeit“, erkennt Corongiu lachend an. „Ich kann mir gut vorstellen, dass in dieser Ecke auch künftig etwas Flüssiges stehen wird.“