Oberau/München – Es ist Frühling 1956. Rainer Blank ist gerade für sein Ingenieur-Studium von Stuttgart nach München gezogen. Er kennt kaum jemanden in der Stadt. Als er in der Zeitung die Kleinanzeigen liest, bleibt er bei einer Annonce hängen. Ein junges Mädchen sucht einen Mann zum Heiraten. Der kurze Text gefällt Blank. Also nimmt er sich ein Blatt Papier und einen Stift – und schreibt ihr einen Brief.
Sehr geehrte Unbekannte! Einen ganzen Morgen hab ich hin und her überlegt, ob ich Ihnen auf Ihre Anzeige schreiben soll. Es fällt mir nicht gerade leicht. Er beschreibt sich kurz. Alter: 26; Augenfarbe: graugrün, Bart: keinen, Größe: 1,83 m. Hoffentlich schreckt Sie das nicht ab. Zur Sicherheit legt er noch ein Passfoto in den Umschlag, formuliert seine Hoffnung, von ihr zu hören und beschließt den Brief mit hochachtungsvollen Grüßen.
Dann vergehen 14 sehr lange Tage. Doch das Warten lohnt sich. Rainer Blank findet eine Antwort in seinem Briefkasten. Der Unbekannten hat sein Brief gefallen, sie möchte ihn kennenlernen. „Damals konnte man ja nicht einfach anrufen“, erzählt er. Wer die große Liebe gesucht hat, musste also etwas Geduld und ein paar Briefmarken investieren.
An einem schönen Frühlingstag ist es dann endlich so weit. Die beiden verabreden sich am späten Nachmittag vor dem Postamt in Neuhausen. „Ich habe sie schon von Weitem dort stehen sehen“, erinnert sich Blank. Er hat sich selbst etwas Zeit gegeben, ist zweimal an ihr vorbeispaziert, dann hat er sich ein Herz genommen und sie angesprochen. „Sind Sie…?“ Die beiden mögen sich auf Anhieb, spazieren etwas durch die Stadt, dann lädt er sie auf ein Glas Wein ein. Schon nach ein paar Stunden ist klar: Es wird weitere Treffen geben.
Seit damals sind 64 Jahre vergangen. Es hat nicht einen einzigen Tag gegeben, an dem Rainer Blank bereut hätte, dass er diesen Brief damals geschrieben hat. Es sind viele weitere dazugekommen. Und viele andere Erinnerungsstücke. Denn das hübsche Mädchen von damals wurde seine Frau. Die beiden gingen zusammen durchs Leben, bekamen zwei Kinder, zogen in ein Haus – und vor einigen Jahren gemeinsam ins Altenheim nach Oberau (Kreis Garmisch-Partenkirchen).
Diesen ersten Brief haben sie immer aufgehoben. Neulich hat Rainer Blank ihn wieder einmal gelesen, sich lächelnd zurückerinnert an die Anfangszeit mit seiner Margot. Sie hat ihre Erinnerungen vor einigen Jahren verloren. Als sie ins Pflegeheim zogen, war sie bereits dement, zwei Jahre später starb sie. Nicht erst seitdem weiß Rainer Blank, wie wertvoll Erinnerungen sein können. Auch deshalb ist er dankbar für den Brief, den er noch besitzt.
Am heutigen Samstag wird Rainer Blank 91 Jahre alt. Und noch immer schreibt er gerne Briefe. „Manchmal auch Liebesbriefe“, sagt er und schmunzelt. „Der letzte ist keine zwei Wochen alt.“ An wen er ging, will Rainer Blank nicht verraten. Es gibt Dinge, die man besser für sich behält, sagt er. Und es gibt Dinge, die man sich trauen sollte, auszusprechen. Manchmal gewinnt man dadurch Freunde – manchmal findet man die Liebe fürs Leben. „Es ist schade, dass die jungen Leute heute keine Briefe mehr schreiben“, findet er. Denn wie sollen sie so eines Tages mit 91 plötzlich wieder einen Moment erleben, der sich anfühlt, als wären sie noch einmal 26 und frisch verliebt?