Der Golfplatz-Rebell

von Redaktion

Auf Bayerns Golfplätzen herrscht wegen der Corona-Pandemie derzeit verordneter Stillstand. Josef Hingerl hält das für rechtswidrig. Deshalb sperrt er seinen Golfplatz in Wolfratshausen ab heute wieder auf – auch ohne Genehmigung.

VON SUSANNE SASSE

Wolfratshausen – Josef Hingerl steht auf einem Grün seines Golfplatzes Gut Bergkramerhof bei Wolfratshausen und gestikuliert wild. Hingerl ist wütend. Er hält die Corona-Beschränkungen, wegen der er seinen Golfplatz aktuell nicht öffnen darf, für rechtswidrig. Jetzt reicht es dem 72-jährigen Rechtsanwalt. Heute öffnet er seinen Golfplatz –auch ohne Genehmigung. Das hat er auch Ministerpräsident Markus Söder in einem Brief am Samstag so angekündigt. Darin heißt es unter anderem: „Es gibt keinen einzigen Grund, die Nutzung des Golfplatzes zu verbieten.“

Auf dem Golfplatz sieht man an diesem Sonntagmorgen hinter Hingerl bis ins Wettersteingebirge. Die Vögel zwitschern, Golfer sind keine da, nur ein paar Spaziergänger. Hingerl ruft jedem ein freundliches „Grüß Gott“ zu. Sagt: „Ich freue mich drauf, morgen endlich wieder Golfer zu begrüßen.“ Und dass der Platz für diesen Montag bereits ausgebucht sei.

Um Ansteckungen zu vermeiden, hat Hingerl einige Regeln eingeführt. Die Golfer sollen immer nur zu zweit und im Achtminutentakt nacheinander loslaufen. Nur 100 Personen will Hingerl spielen lassen. Und wenn die Polizei kommt? Das Landratsamt? Weil der Golfplatz ja eigentlich geschlossen sein müsste? „Da freue ich mich drauf“, sagt Hingerl. „Wenn ich einen Bußgeldbescheid bekomme, dann habe ich endlich etwas in der Hand, gegen das ich klagen kann.“ Vor Gericht würde er gewinnen, da ist er sich sicher. „Wir machen hier alles so, wie die Kanzlerin und der Ministerpräsident es wollen. Wir bieten Sport und Bewegung an der frischen Luft auf einer Anlage mit 700 000 Quadratmetern. Es ist nicht einzusehen, warum den Menschen das verwehrt bleiben soll.“

Golfplatzboss Hingerl hat keine Angst davor, sich mit dem Ministerpräsidenten anzulegen. Seit 44 Jahren ist er nun Rechtsanwalt. Spezialgebiet Insolvenzrecht. Den Golfplatz Gut Bergkramerhof hat er vor 13 Jahren aus der Insolvenz herausgeführt, ebenso ein Golfhotel mit 160 Betten in Oberfranken, das er seit 24 Jahren führt. Zwölf Jahre lang saß Hingerl im Gemeinderat in Berg am Starnberger See, zunächst parteilos dann für die SPD. 25 Jahre lang war er stellvertretender Vorstand des Fußballvereins in seinem Geburtsdorf Höhenrain, in dem er bis heute lebt – und einen ökologischen Pferdehof betreibt. Diese Vita gebe ihm das Recht und die Pflicht, den Ministerpräsidenten persönlich anzusprechen, wie er schreibt. Anfang April hatte er bereits in einem Brief an die Bundeskanzlerin die Öffnung der Golfplätze und ein „Volksgesundungsprogramm“ gefordert.

Ein passionierter Golfer ist der Golfplatzrebell aus Oberbayern übrigens nicht. „Ich spiele selbst recht schlecht“, gibt er zu. Zum Golf gekommen ist er, weil er den Golfplatz aus der Insolvenz gerettet hat. Seitdem sei er gesund und fit wie nie, denn er gehe „jeden Tag mehrmals auf ihm spazieren“. Dass er keine Golfer begrüßen kann, „verletzt nicht nur meine Grundrechte auf freie Entfaltung meiner Persönlichkeit und meine Berufsfreiheit“, sagt Hingerl, „sondern auch die Rechte meiner Mitarbeiter und der Golfer.“ Und das könne er nicht hinnehmen.

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