Aufstieg mit Abstand

von Redaktion

Der Berg ruft wieder. Wanderparkplätze öffnen nach und nach und auch der Alpenverein empfiehlt: Wandern ist mit bestimmten Regeln wieder möglich. Doch Vorsicht gilt an der Grenze – sonst droht ein Treffen mit dem österreichischen Militär.

VON DOMINIK GÖTTLER

München – Bayerns Bergsteiger haben sich in den vergangenen Wochen im Verzicht geübt. Nach dem Appell von Polizei, Kommunen und Bergsportverbänden, wegen der Ansteckungsgefahr auf Wanderungen zu verzichten, war zwar immer wieder von vollen Gipfeln bei bestem Wanderwetter berichtet worden. Doch die Zahlen der Bergwacht Bayern zeigen, dass sich die Bergfreunde durchaus diszipliniert verhalten haben. Im März und April musste die Bergwacht nur halb so oft ausrücken, wie durchschnittlich im selben Zeitraum der vergangenen Jahre. „Rechnet man die Einsätze von Anfang März aus den Skigebieten noch raus, dann zeigt das schon deutlich, dass sich die Menschen zurückhaltend und solidarisch verhalten haben“, sagt Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern. Wenn die Bergretter ausrücken mussten, dann vor allem wegen Unfällen mit dem Mountainbike oder bei Wald- und Forstarbeiten.

Doch im Zuge der vorsichtigen Lockerungen der Corona-Beschränkungen erwacht auch der Bergsport langsam aus seinem verlängerten Winterschlaf. Viele vorübergehend geschlossen Wanderparkplätze wie etwa in Aschau oder Kreuth haben wieder geöffnet. Und der Deutsche Alpenverein, der bisher von Bergtouren abgeraten hatte, teilt mit: „Wandern ist wieder möglich.“ Dabei sollten sich die Freunde der Bergluft allerdings an eine Reihe von Regeln halten: Risikobereitschaft zurücknehmen, um keine Unfälle zu provozieren, die die Krankenhäuser zusätzlich belasten. Nur in erlaubten Kleingruppen losziehen. Abstand halten. Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel einpacken. Und gewohnte Rituale wie die Umarmung am Gipfel (oder den gemeinsamen Enzianschnaps) unterlassen. Entscheidend sei nun, die gewonnenen Freiheiten so zu nutzen, das die Ansteckungszahlen nicht wieder steigen, mahnt DAV-Präsident Josef Klenner.

Ebenfalls wichtig bei der anstehenden Tourenplanung: Die Grenzfrage. Denn so manche beliebte Tour in den bayerischen Alpen führt den Wanderer über die österreichische Grenze – und wenn es nur ein kurzer Schwenk ist auf dem Weg zum Gipfel. Dann kann es passieren, dass plötzlich bewaffnete österreichische Soldaten vor einem stehen und den Ausweis sehen wollen, wie etwa am Hechtsee bei Kiefersfelden schon geschehen. Denn der Grenzübertritt ist zunächst bis zum 15. Mai weiterhin nicht ohne triftigen Grund erlaubt.

„Ja, das Bundesheer überwacht die grüne Grenze“, bestätigt Manfred Dummer von der Landespolizeidirektion Tirol. „Aber die Kollegen gehen mit Fingerspitzengefühl vor“, beteuert er. Wer als Wanderer unwissentlich die Grenze überschreitet, müsse nicht sofort eine Anzeige fürchten. „Aber man muss damit rechnen, kontrolliert zu werden.“ Damit ist für Bayerns Wanderer etwa der Zugspitzaufstieg über Ehrwald derzeit genauso tabu wie die Skitour auf der Hochglückscharte in der Eng, dem Frühjahrsklassiker im Karwendel-Gebirge.

Unklar ist bislang noch, wann es auf dem Weg zum Gipfel auch wieder Logis und Verpflegung geben wird. Der Alpenverein wartet noch auf die genauen Richtlinien und Auflagen der Behörden im Zusammenhang mit den neuen Regeln für Gastro-Betriebe – und will dann prüfen, inwiefern das Regelwerk auf die Berghütten übertragbar ist. In Österreich sollen derweil ab Ende Mai wieder Übernachtungen in Schutzhütten möglich sein.

Für die Bayerische Bergwacht ist jedenfalls klar, dass die Zahl der Wanderer in den nächsten Wochen wohl wieder zunehmen wird. „Es ist ja auch verständlich“, sagt Roland Ampenberger. Trotzdem appelliert er an die Wanderer, das Virus auch am Berg nicht zu vergessen. „Der Bergsport kennt viele Gefahren. Vor Lawinen, Abstürzen und Unwetter. Jetzt ist mit der Infektionsgefahr eine weitere dazugekommen“, sagt Ampenberger. „Und wie auch bei den anderen Gefahren mahnen wir hier genauso zu defensivem Verhalten.“ Indem man sich vor der Tour Gedanken macht, wie man sich und andere möglichst wenig gefährdet.

Und wenn doch mal was passiert? „Dann alarmieren Sie uns“, sagt Ampenberger. „Denn dafür sind wir da.“

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