München – Die Welt hat sich durch das Coronavirus auch optisch verändert. Und für einige Menschen ist sie ein Stück kleiner geworden. Denn für viele Gehörlose und Schwerhörige ist es schwerer, einkaufen zu gehen oder mit dem Bus zu fahren, seit alle Masken tragen. „Einige Gehörlose lesen Worte von den Lippen ab“, erklärt Bernd Schneider, der Vorsitzende des Landesverbands der Gehörlosen. Das ist im Corona-Alltag nur noch selten möglich. Die meisten Betroffenen hätten nun immer Zettel und Stift dabei, erklärt er. Aber auch das ist natürlich nicht unkompliziert, nicht jeder möchte gerade mit einem fremden Stift etwas notieren. Hörende könnten, selbst wenn sie merken, dass sie es mit einem Gehörlosen zu tun haben, die Maske nicht einfach abnehmen. Und oft würden Gehörlose nun nichtmal merken, dass sie angesprochen werden, sagt Schneider. „Die hörende Person müsste uns entweder kurz zuwinken oder auf die Schulter tippen, damit wir wissen, dass sie uns etwas sagen möchte.“ Dennoch hätten viele Gehörlose Verständnis für die Maßnahmen und würden sie aus Sorge um die eigene Gesundheit unterstützen – auch wenn ihr Alltag dadurch schwieriger wird. Und obwohl es sich anfühle, als ob ihre Gruppe bei diesen Maßnahmen vergessen worden wäre.
Die optimale Lösung gibt es nicht. Dennoch führten die Masken-Pflicht und vor allem die Ausgangsbeschränkungen dazu, dass sich Gehörlose noch isolierter fühlen, als schon vor der Pandemie. Ein großes Problem ist es laut Schneider auch, dass viele Nachrichten und Pressekonferenzen nicht in Gebärdensprache übersetzt werden. Auch da seien andere Länder Deutschland weit voraus. „In Frankreich oder Spanien ist das längst gängige Praxis“, sagt er. Gerade für ältere Betroffene, die das Internet kaum nutzen, sei es ein großes Problem, wenn sie die Handlungsanweisungen und neuen Nachrichten zum Virus nicht im Fernsehen übersetzt bekommen.
Und noch größer werden die Probleme, sobald Gehörlose ins Krankenhaus müssen. „Dafür brauchen sie einen Dolmetscher“, erklärt Schneider. Für diese Fälle müssten Lösungen gefunden werden, damit der Gebärdensprach-Dolmetscher auf den Mundschutz verzichten kann. Zum Beispiel durch Glaswände oder Ganzgesichtsvisier.
Noch härter leiden unter den aktuellen Corona-Maßnahmen die taubblinden Menschen. Seit elf Jahren gibt es in München den Fachdienst Integration taubblinder Menschen (ITM). Die Helfer betreuen Menschen mit Seh- und Hörbehinderung, organisieren für sie Treffen oder Ausflüge – und holen sie aus ihrer häuslichen Isolation. Doch all das ist seit Wochen nicht mehr möglich. „Mit einigen von ihnen können wir noch schriftlich in Kontakt bleiben“, erklärt die ITM-Leiterin Britta Achterkamp. Ein paar der Betroffenen haben eine geringe Rest-Sehkraft, außerdem gibt es technische Hilfsmittel, die beispielsweise Mails in Braille-Schrift übersetzen. Taubblinde, die allein leben, dürfen ihre Assistenten weiterhin sehen. „Sie sind vom Kontaktverbot ausgenommen, müssen aber alles mit Schutzkleidung machen“, erklärt Achterkamp. Auch hier verhindert der Mundschutz das Lippen-Lesen. Abstand halten sei bei blinden Menschen aber schlichtweg nicht möglich – sie brauchen direkte Assistenz.
Der ITM bietet auch während der Corona-Zeit an, Hausbesuche zu machen, wenn dringender Bedarf da ist. „Aber natürlich ist die Angst einer Infektion immer dabei“, sagt Achterkamp. Dankbar sind viele Taubblinde schon für kleine Hilfen. Die Newsletter zum Beispiel, in denen der ITM in einfacher Sprache erklärt, welche Maßnahmen gerade gelten und warum. Ohne dieses Angebot wären viele Betroffene abgeschnitten, sagt auch Achterkamp.
„Viele von ihnen fühlen sich gerade an den Rand gedrängt und noch mehr vergessen“, sagt sie. Andere nehmen die Einschränkungen leichter, sagen, sie seien Einschränkungen schließlich gewohnt. Erst neulich wieder hat Britta Achterkamp erlebt, wie selbstverständlich es für einige Betroffene ist, vergessen zu werden. „Eine taubblinde Frau aus Mittelfranken berichtete uns, dass sie gerade am Essen spart – weil sie nicht wisse, wann sie wieder einkaufen gehen könne.“ Der ITM hat sofort einen Assistenten für sie organisiert. Hätte sich die Frau nicht an den Fachdienst gewandt, hätte wohl niemand davon erfahren. KATRIN WOITSCH