Landshut – Die Vogelstimmen-Hotline war seine Idee. Denn Philipp Herrmann ist ein echter Vogelgesangs-Experte, schon seit der Jugendzeit. Der 37-jährige Artenkenner aus Landshut hatte schon lange überlegt, wie man Vogelgesang für Laien bestimmen kann. Mit dem Aussehen eines Vogels kann man per Fachbuch oder Internet schnell herausfinden, wer da im Garten sitzt. Aber wenn man ihn nur hört? Da hilft das Internet nicht weiter. Den Gesang zu beschreiben, klappt sowieso nicht. Bestimmungs-Apps sind eine gute Idee, funktionieren aber (noch) nicht zuverlässig, weiß Herrmann: Da wird einem eine Kohlmeise auch mal als Auerhuhn untergejubelt.
Eines Tages dann beobachtete Herrmann seine Ehefrau bei der digitalen Kommunikation: Die Spanierin hielt sich nicht lange mit Tippen auf, sondern sprach ihre Nachrichten einfach direkt in das Handy und schickte sie ab. Und schon hatte er die Idee. Er bat seine Tante in Hamburg, ihm zum Test eine Vogelstimme aufzunehmen. Sie ging frühmorgens zum Fenster, hielt das Handy hinaus und schickte die Sprachnachricht ab. Herrmann hörte: Lautes Flügelschlagen, ah, Graugänse fliegen vorbei. Zartes Zwitschern: ein Rotkehlchen. Eine laute Melodie: eine Amsel. Es funktionierte einwandfrei. „Dabei bin ich eigentlich nicht so der musikalische Typ“, behauptet der Naturschützer. „Aber ich bin gehörfixiert.“
Und er ist naturfixiert. Als Kind schon pirschte er durch die Wälder, zu seinem elften Geburtstag schenkten ihm Oma und Opa ein Vogelbuch, es folgte eine Vogelstimmen-CD. „Die habe ich hoch und runtergehört“, erzählt er. Bald besuchte er die Vogelwanderungen von Paul Riederer, einem echten Urgestein des Bund Naturschutz in Landshut, zu einer Zeit, als noch Richtmikrofon und Tonbandgerät im Einsatz waren. „Ich war begeistert“, erinnert sich Herrmann. Immer wieder war der junge Bursche bei den Führungen mit dabei, bis Riederer schließlich sagte: „Dann machst Du jetzt eben mit.“ So wurde aus dem Jugendlichen ein versierter Vogelexperte. Bei den Gleichaltrigen kam das Hobby allerdings nicht gut an, „das wurde mir früh klar, dass das gar nicht geht“, erzählt Herrmann heute. Also musste ein angeseheneres Hobby her, ein Skateboard – die Leidenschaft für Vögel blieb sein Geheimnis. Bis er als Zivi im hohen Norden auf einer Vogelwarte bei Hamburg auf einen Seelenverwandten traf: ebenfalls Zivildienstleistender, ebenfalls Vogelstimmen-Fan. „Das war der erste Mensch in meinem Alter, der mich verstanden hat“, erzählt Herrmann und lacht. „Mein erster Verbündeter.“
Mittlerweile hat er mehrere Verbündete als Freunde und als Kollegen. Er hat Naturschutz und Landschaftsplanung studiert, war jahrelang Gebietsbetreuer und ist nun zuständig für die digitalen Themen bei der höheren Naturschutzbehörde in Landshut – auch wegen der Vogelstimmen-Hotline. Als Herrmann vor vier Jahren die Idee dazu hatte, verstand sein Mentor Riederer zwar nur Bahnhof, doch er sagte: „Na, mach mal.“ Über den BN wurde ein Handy besorgt, Herrmann bastelte ein paar Schilder und stellte sie in Landshut auf. Schon in der ersten Saison meldeten sich 200 Menschen. Der BN weitete die Aktion immer weiter aus, die Anfragen stiegen, vergangenes Jahr waren es 1500. Dieses Jahr läuft die Aktion jetzt seit drei Wochen – und es haben sich schon fast 2000 Leute gemeldet. „Man ist ja oft ganz berauscht von dem Gesang eines bestimmten Vogels – und dann will man wissen, wer für diesen besonderen Moment gesorgt hat.“ Also sitzt Herrmann zu Hause im Homeoffice, bei der Ehefrau und den zwei kleinen Töchterchen, und hört sich morgens und abends Vogelstimmen an. Zu Beginn hatte er dafür sogar Urlaub genommen, denn die Hotline läuft noch „halb ehrenamtlich“, gesteht er. „Das Problem dabei ist, dass es mich ja auch so interessiert“, sagt er.
Und welcher Vogel wird nun am meisten nachgefragt? „Die Amsel“, erzählt Herrmann. Was für den Vogelexperten in etwa so wirken muss, als ob ein Spaziergänger den Bauern fragt, wie denn dieses große braungefleckte Tier auf der Weide heißt. Herrmann lacht. „Ich erreiche eben genau die Menschen, die ich auch erreichen wollte: die Laien. Und denen bringe ich auch sehr gerne die Amsel näher.“