Hebertshausen – Es ist kurz nach Kriegsende, als die junge Ljuba Schednik in Dachau einen amerikanischen Soldaten kennenlernt. Die beiden beginnen eine Liaison, die nicht lange anhält. Zwei Monate später stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Am 3. März 1946 bringt sie schließlich mit 21 Jahren ihren Sohn Hans zur Welt. Doch der amerikanische Soldat weiß nichts von seiner Vaterschaft, da er schnell wieder aus Deutschland abreist. Nur ein Foto von ihm bleibt zurück – das Hans Schednik sein ganzes Leben immer wieder fragen lässt: „Wer ist mein Vater?“
„Ich weiß seinen Namen nicht“, sagt Hans Schednik. Auf seiner Geburtsurkunde steht nur „Adresse unbekannt – Amerikaner“. Seine Mutter hat nie über den Vater gesprochen. Als Hans Schednik einmal fragte, gab sie ihm nur das Foto und die Auskunft, dass er in den Korea-Krieg musste. Auf die Rückseite des Fotos hat Ljuba Schednik einige Zeilen geschrieben. Heute sind sie kaum mehr leserlich, doch Hans Schednik hat versucht, sie zu entziffern. „Meine Mutter hat meinem Vater anscheinend noch mitteilen wollen, dass ich da bin“, sagt Schednik. Doch zu einem Treffen zwischen den beiden ist es damals nicht mehr gekommen.
Seine Mutter hatte es nicht leicht im Leben. 1943 verschleppten sie deutsche Soldaten mit 18 Jahren aus ihrer ukrainischen Heimat Shitomir nach Kollbach (Landkreis Dachau). „Als die Deutschen dort einmarschiert sind, haben sie die ganze Jugend nach Deutschland verschleppt“, sagt Hans Schednik. „Meine Mutter war wahrscheinlich deren Beute.“
Für ein Jahr blieb sie in Kollbach, bis sie nach Hebertshausen ging. Dort arbeitete sie als Hausgehilfin und zog ihren Sohn Hans groß. Ljuba Schednik hatte nach der Geburt einen Polen geheiratet, der während des Krieges zur SS gewechselt war. Er behandelte sie und ihren Sohn schlecht. Schläge und Demütigungen standen an der Tagesordnung. „Er hat mir den Wunsch, nach meinem Vater zu suchen, aus dem Kopf geschlagen“, sagt Schednik. „In Hebertshausen hat jeder gewusst, was er gemacht hat.“
In der Gemeinde waren Schednik und seine Mutter sehr beliebt. „Wir sind überall freundlich aufgenommen worden“, sagt er. Um seiner schlimmen Kindheit zu entkommen, hat Hans Schednik mit 21 Jahren geheiratet. Die Ehe scheiterte – später fand er mit seiner Frau Renate eine neue Liebe. In Stachusried (Landkreis Dachau) bauten sie gemeinsam einen Reitstallbetrieb auf. 2016 gaben sie den Hof auf und zogen nach Straßlach im Süden von München.
Heute ist Hans Schednik 74 Jahre alt. Sein größter Herzenswunsch ist es, seinen Vater oder zumindest dessen Familie zu finden. Lange hat er diesen Wunsch zur Seite geschoben. „Das Interesse war aber immer da“, sagt er. Jetzt, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes hat Hans Schednik viele Berichte über ledige Kinder gelesen, die das gleiche Schicksal haben wie er. „Da ist der Wunsch wieder gewachsen, nach ihm zu suchen“, sagt Schednik.
Obwohl er nur das eine Foto hat und den Namen nicht kennt, gibt er deshalb die Hoffnung nicht auf. Einen Hinweis meint er schon zu kennen. „Ich glaube, dass mein Vater der 7. Infanterie angehört hat“, sagt er. „Das waren die Ersten, die in Dachau einmarschiert sind.“ Seine Mutter Ljuba kann er nicht mehr fragen. Sie ist 1991 mit 66 Jahren gestorben. Bis zu ihrem Tod schwieg sie über den Vater ihres Sohnes.