Unterschleißheim – Eva Ohlerth arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Pflege. Die 60-Jährige aus Unterschleißheim (Kreis München) kritisiert seit Langem die Bedingungen, unter denen viele Pflegekräfte ihre Arbeit machen müssen. Sie hat auch ein Buch geschrieben, es heißt „Albtraum Pflegeheim“, um mehr Menschen klarzumachen, was Pflegekräfte leisten. Bis vor Kurzem hat sie in der Intensivpflege gearbeitet, nun in einer Einrichtung für behinderte Menschen. Dass Pflegekräfte nun auf einmal für ihre Arbeit beklatscht werden, freut und ärgert sie gleichermaßen.
Sie kämpfen seit Jahren für mehr Anerkennung der Pflegekräfte. Jetzt werden sie beklatscht, als Helden der Corona-Krise gefeiert. Wie fühlt sich das an?
Natürlich wissen wir die Anerkennung zu schätzen. Aber sie ist auch zynisch für uns. Denn vom Klatschen können wir unsere Miete nicht bezahlen. Uns wäre mehr geholfen, wenn die Menschen mit uns auf die Straße gehen, wenn wir für angemessenes Gehalt demonstrieren. Die Wertschätzung muss sich auch monetär ausdrücken.
Wird die Anerkennung die Krise überdauern?
Ich glaube nicht. Das merke ich schon daran, dass man uns einmalig 1500 Euro als Anerkennung zahlen will – und dann darüber streitet, wer das zahlen soll. Eine einmalige Zahlung fühlt sich eher so an, als wollte man uns zum Schweigen bringen.
Was wäre aus Ihrer Sicht ein angemessener Lohn?
Angemessen wären 4000 Euro brutto als Einstiegsgehalt für Fachkräfte. Aktuell liegt das Einstiegsgehalt zwischen 1800 und 3300 Euro brutto – je nach Trägern. Mit einem besseren Lohn könnten wir auch einige Kräfte zurückholen, die den Beruf verlassen haben. Die Arbeitgeber müssen begreifen, dass die Pflege nicht mehr funktioniert, wenn sie uns nicht richtig bezahlen.
Was passiert, wenn sich nichts ändert?
Immer mehr Pflegekräfte werden den Beruf aufgeben, wir werden mehr Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben müssen. Um Nachwuchs zu gewinnen, müssen wir den Beruf attraktiver gestalten. Nicht nur monetär, wir müssen das Ansehen verbessern und Aufstiegsmöglichkeiten schaffen. Und vor allem müssen wir die Arbeitsbedingungen verbessern. Viele junge Pflegekräfte geben den Beruf wieder auf, weil sie das, was sie an den Schulen lernen, in der Praxis nicht umsetzen können. Und weil sie sich überfordert und alleingelassen fühlen.
Wie sehr wirkt es sich in den Heimen aus, dass die Angehörigen so lange nicht kommen durften?
Sehr. Auch jetzt noch habe ich große Sorge, dass sich deswegen der Zustand vieler Bewohner verschlechtert. Ohne die Hilfe der Angehörigen könnten wir Pflegekräfte die Arbeit oft nicht schaffen. Sie entlasten uns zum Beispiel beim Trinkeneingeben.
Die Pflegekräfte können die fehlenden Besuche kaum auffangen. Was macht die Einsamkeit mit den Senioren?
Sie nimmt ihnen den Lebenswillen, sie werden depressiv und infektanfälliger. Die Lockerung des Besuchsverbots war dringend nötig. Wir dürfen es nicht einfach hinnehmen, wenn alte Menschen weggesperrt werden. Natürlich ist es wichtig, jetzt für ausreichend Schutz zu sorgen, da müssen die Heime kreativ werden.
Wie besorgt machen Sie als Pflegekraft jetzt in der Corona-Zeit Ihre Arbeit?
Ich bin sehr besorgt. Wegen der Pflegebedürftigen, aber auch wegen uns Pflegekräften. Man mutet uns zu, in die Arbeit zu gehen, ohne dass es für uns ausreichend Schutzausrüstung gibt. Wir können uns nicht mal testen lassen. Wir werden beklatscht – aber trotzdem alleingelassen. Deshalb haben wir eine Petition gestartet und schon mehr als 400 000 Unterschriften zusammen. Wir fordern dauerhaft eine Veränderung.
Dafür kämpfen Sie schon lange. Sind die Chancen durch Corona nun größer?
Der Druck ist größer geworden. Ich glaube, dass nun mehr Menschen verstanden haben, wie wichtig die Pflege für unsere Gesellschaft ist. Die Politik sagt nun, wir Pflegekräfte seien systemrelevant. Pflege ist noch mehr: sie ist das Fundament der Gesellschaft. Und auch die Pflegenden hat die Krise aufgerüttelt. Ab heute gibt es eine eigene Pflegegewerkschaft, den Bochumer Bund. Sie will uns an die Verhandlungstische bringen, sodass wir mehr Einfluss auf unseren Beruf nehmen können. Endlich schließen sich die Pflegekräfte zusammen – das macht mir Hoffnung.
Interview: Katrin Woitsch