München/Augsburg – Erst im Dezember 2019 hat Go-Ahead in Baden-Württemberg den Betrieb der Regionalzug-Linie 8 Stuttgart–Heilbronn–Würzburg übernommen. Die sogenannte Frankenbahn betrieb bis dato die Deutsche Bahn, die aber in einer Ausschreibung dem britischen Neuling unterlag. Doch nach knapp einem halben Jahr zog Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) nun die Reißleine. Aufgrund andauernder Beschwerden über Zugausfälle und Verspätungen wurde Go-Ahead für zwei Jahre der Betrieb der Linie entzogen. In einem verkürzten Bieterverfahren, auch Notvergabe genannt, soll ein neuer Betreiber gefunden werden, berichtet die „Stuttgarter Zeitung“. Für ein junges Bahnunternehmen ist das ein ziemliches Desaster.
Im bayerischen Verkehrsministerium dürfte der Vorgang genau beobachtet werden, denn Go-Ahead ist auch hierzulande zum Zuge gekommen. Ab Ende 2021 sollen die Briten das E-Netz Allgäu (München–Memmingen–Lindau) übernehmen, ein Jahr später sogar eine Paradestrecke, das sogenannte Los 1 der Augsburger Netze, das von München über Augsburg bis nach Treuchtlingen/Würzburg und Nördlingen/Aalen reicht. Die Bahn, die hier mit ihrem „Fugger-Express“ fährt, war in der Ausschreibung zur Überraschung in Branchenkreisen unterlegen.
Noch gibt sich das Unternehmen demonstrativ gelassen: „Wir sehen natürlich die Schwierigkeiten unserer Kollegen in Baden-Württemberg“, sagt Go-Ahead-Sprecher Winfried Karg. Aber sie seien ein Sonderfall. Rund um Stuttgart seien die Bahnstrecken aufgrund des Neubaus des Hauptbahnhofes („Stuttgart 21“) völlig überlastet. Hinzu komme Lokführermangel. Das sei ein branchenweites Problem.
Allerdings räumt Karg ein, dass Go-Ahead auch in Bayern Lokführer sucht. „Wir strecken uns nach der Decke, um Personalfragen zu klären.“ Allein für das Augsburger Netz sind etwa 140 Lokführer notwendig, für das Allgäu weitere 40. Zwar bietet Go-Ahead Lokführer, die bisher für die Deutschen Bahn fahren, die Übernahme zu gleichen Konditionen an. Aber auch die DB hat Interesse, ihre Lokführer zu behalten. Sie werden dann eben auf anderen Strecken eingesetzt. Go-Ahead hat jetzt eine Personalkampagne mit Radio-Spots geplant. Neue Züge sind bestellt, darunter auch ein Triebzug mit Doppelstockwagen („Desiro“), der auf der Augsburger Strecke fahren soll. Sprecher Winfried Karg betont, am Zeitplan werde nicht gerüttelt. „Wir gehen davon aus, dass wir wie geplant starten können.“
Die Bayerische Eisenbahngesellschaft, die dem Verkehrsministerium untersteht, sieht derzeit keine direkten Auswirkungen „der Vorgänge um Go-Ahead Baden-Württemberg“. Es gebe regelmäßige Inbetriebnahmegespräche, um die Einhaltung vertraglicher Vorgaben zu überprüfen.