Infektionsherd Schlachthof

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

München – Seit Dienstag läuft auf einem Geflügelschlachthof in Bogen die sogenannte Reihentestung. An vier Teststationen werden die knapp 1000 Mitarbeiter des Wiesenhof-Betriebs nach und nach auf das Coronavirus getestet. 14 Infektionen sind mittlerweile bestätigt, alle Ergebnisse der Massentestung sollen innerhalb von 48 Stunden vorliegen. Nach mehreren Betrieben in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg hat das Virus damit auch die bayerischen Schlachthöfe erreicht.

Aber warum sind gerade Schlachthöfe ein Infektionsherd, der, wie das Robert-Koch-Institut am Dienstag mitteilte, sogar die Reproduktionszahl anschwellen lässt? „Es liegt in der Regel nicht an den Arbeitsplätzen der Schlachter“, sagt Mustafa Öz von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten in Bayern (NGG). „Am Schlachtband herrschen hohe Hygienestandards, es kann nicht viel passieren.“ Vielmehr sei das Arbeitssystem der Großschlachtereien das Problem. „Die großen Schlachthofketten wie Tönnies, Vion oder Westfleisch haben viele ihrer Kerntätigkeiten über Werkverträge an Subunternehmen vergeben“, sagt Öz. Schlachten und Zerteilen, das übernehmen häufig Arbeitskräfte aus dem Ausland. „In den großen Schlachthöfen sind teilweise 60 bis 80 Prozent der Mitarbeiter Werkvertragsnehmer.“ Diese Arbeiter aus Bulgarien, Polen oder Rumänien würden von den Subunternehmen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. „Und da liegt einiges im Argen – nicht nur bei der Arbeitszeiterfassung, sondern auch bei der Hygiene in den Unterkünften und den sanitären Anlagen dort“, sagt Öz. Dabei empfiehlt das Bundesarbeitsministerium für Sammelunterkünfte in Corona-Zeiten etwa grundsätzlich eine Einzelbelegung von Schlafräumen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte gestern im Bundestag strengere Vorschriften an und sagte: „Wir werden aufräumen mit diesen Verhältnissen.“

In Oberbayern variiert die Größe der Schlachthöfe stark. So arbeiten etwa in Fürstenfeldbruck nur zwei Mitarbeiter aus Osteuropa im Schlachthof, erklärt Geschäftsführer Engelbert Jais. Und diese Mitarbeiter leben auch nicht in Wohnheimen, sondern wie alle anderen Mitarbeitern mit ihren Familien in Wohnungen. Doch auch in Oberbayern gibt es große Schlachtbetriebe, wie etwa Südfleisch in Waldkraiburg, der vom niederländischen Konzern Vion betrieben wird. Pro Woche werden dort nach Firmenangaben 4200 Rinder geschlachtet und 800 Tonnen Fleisch zerlegt. Das zuständige Landratsamt Mühldorf betont, dass man angesichts der Corona-Lage im engen Austausch mit den Betreibern sei. Schutz- und Hygienekonzepte seien vorhanden. Eine Einschätzung zur Unterbringung der Mitarbeiter sei aber nicht möglich, da die Beschäftigten an Schlachthöfen keiner Meldepflicht unterliegen.

Die Landtags-SPD fordert angesichts des jüngsten Ausbruchs in Niederbayern flächendeckende Covid-19-Tests und ein Sonderkontrollprogramm zur Überprüfung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für Schlachthofmitarbeiter. „Für mich ist das das zweite große Versagen der Staatsregierung in der Corona-Krise nach den Starkbierfesten“, sagt der SPD-Abgeordnete Florian von Brunn. „Wir dürfen nicht riskieren, dass Schlachtbetriebe und große Höfe mit Erntehelfern zu Infektionshotspots werden und ganze Regionen gefährden.“

Das bayerische Gesundheitsministerium weist die Vorwürfe der SPD zurück. Der Schutz der Bevölkerung habe oberste Priorität. Deshalb werde das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Kürze mit weiteren Reihentestungen von Mitarbeitern an den bayerischen Schlachthöfen beginnen, so ein Ministeriumssprecher. Stand gestern seien dem Ministerium aber keine weiteren Corona-Fälle in bayerischen Schlachthöfen bekannt gewesen.

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