Inning – Es war reiner Zufall, dass Axel Darchinger aus Inning (Kreis Starnberg) ausgerechnet an diesem Tag nach dem Namen Walter Holschau im Internet recherchierte. Zuvor hatte er seine Tante Ingrid Öttl in Farchant (Kreis Garmisch-Partenkirchen) besucht. Weil Darchinger gerade eine Familienchronik erstellte, stöberten die beiden in Boxen mit alten Bildern und Dokumenten und entdeckten ein Foto von Walter Holschau. „Er war der Cousin von meinem Vater und sie waren beste Freunde“, erzählt Öttl. Holschau war der Neffe ihrer Großmutter und Darchingers Urgroßmutter. Er kam nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Wo er gefallen war, wusste niemand.
Axel Darchinger gab den Namen im Internet in die Suchmaschine ein. Das erste Ergebnis: eine Postkarte, die ein Unbekannter gerade im Internet verkaufte. „Ich habe sie gleich für ein paar Euro ersteigert“, erzählt der 54-Jährige. Absender der Postkarte waren Johanna und Emil Steiner, die Großeltern von Holschau und damit auch die Vorfahren von Öttl und Darchinger. Die Familie stammt aus Berlin. Als die Postkarte am 24. Juni 1927 verschickt wurde, waren die Großeltern auf Sommerfrische in Bad Tölz. Walter Holschau war zu der Zeit ebenfalls auf Sommerfrische, allerdings in Ahlbeck in Mecklenburg-Vorpommern.
„Lieber Walter! In der Hoffnung, daß Ihr auch so schönes Wetter habt, wie wir heute, senden wir Dir nochmals viele herzliche Grüße. Bei uns heißt es morgen Abschied nehmen. Mir gehts etwas besser, habe aber immer noch Schmerzen. Also viel Vergnügen. In Liebe dein Grossvada u. Grossmutti.“ So lautet der Text auf der einen Seite der Postkarte. Auf der anderen Seite ist ein Foto der Großeltern zu sehen. „Woher der Verkäufer die Karte hatte, wissen wir nicht“, sagt Axel Darchinger. Es war auf jeden Fall nicht das einzige Exemplar.
In der Fotokiste seiner verstorbenen Großmutter fand er später eine weitere Karte mit dem gleichen Bild. Sie ging an Anna Holschau – die Tochter von Johanna Steiner und die Mutter von Walter Holschau.
Axel Darchinger mag es, tief in die Geschichte seiner Familie einzutauchen. Zum Teil kann er seine Vorfahren bis ins Jahr 1718 zurückverfolgen. Die Ahnenforschung ist nicht einfach, die Familie ist groß. Koch, Schwarzlose, Holschau, Theile – es sind verschiedene Namen und Familienzweige, denen er auf den Grund zu gehen versucht. „Aber wenn man einmal in dem Thema drin ist, kann man nicht mehr aufhören“, sagt er. „Ich freue mich über jedes Detail, das ich herausfinde.“ Seine Familienchronik väterlicherseits ist fertig, die Chronik mütterlicherseits gerade in Arbeit.
Die Postkarte an Walter Holschau jedenfalls hält er in Ehren. Und auch das Rätsel über dessen Schicksal konnte er inzwischen mithilfe des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge lösen: Walter Holschau ist am 5. April 1944 in Rumänien gefallen und fand auf einem Friedhof in Vatra Dornei die letzte Ruhe. Er wurde 38 Jahre alt. CLAUDIA SCHURI
Alte Schriftstücke und ihre Geschichten
In einer kleinen Serie berichten wir über alte Schriftstücke und die Geschichten dahinter.