Fischbachau – Seit er ein junger Bursch ist, hat Hans Schwaiger aus Gaißach (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) an Christi Himmelfahrt immer dasselbe Ziel gehabt: die Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt am Fuße des Breitenstein nahe Fischbachau im Kreis Miesbach. Am Sportplatz unten im Ort nehmen die 47 Trachtenvereine Aufstellung, dann geht es in Tracht und Kirchagwand mit prächtigen Fahnen gut hundert Höhenmeter hinauf zur Kapelle. „Das ist eine wunderschöne Wallfahrt, da marschieren bis zu 2000 Trachtler mit“, schwärmt der 69-jährige Vorstand des Gauverbands. „Christi Himmelfahrt wird nach Birkenstein gefahren.“ Für die Trachtler ist das kein „Muss“, sondern ein Dienst, sagt er.
Umso größer ist jetzt die Enttäuschung, denn die Wallfahrt musste wegen der Corona-Pandemie gestrichen werden. Die Einsicht, dass die Absage sein musste, ist freilich da. „Das kann man nicht verantworten“, sagt Schwaiger. Der Gauvorstand hofft, „dass wir uns bald alle wieder gesund bei einem Trachtenfest wiedersehen. Drum bittma an Herrgott, geh dua uns den Gfalln und schütz unsa Hoamad, wia mas gern so dahaltn.“
Was er nun stattdessen am Feiertag machen wird, weiß er noch nicht. „Daheimbleiben halt. Vielleicht spazieren gehen mit der Frau. Am Vormittag werde ich ein kurzes Gebet sprechen.“ Dann wandern die Gedanken doch hoch zur Wallfahrtskapelle, wo sich nun die Abordnungen der Vereine andächtig im Gebet versammeln würden. Die traditionelle Wallfahrt findet in diesem Jahr nur im Herzen statt. Ob er stattdessen Vatertag feiert? „Das hab ich immer gemacht“, sagt Hans Schwaiger. Ist halt gute Tradition: am Morgen die Wallfahrt, mittags zünftig einkehren und am Nachmittag mit ein paar Freunden auf einer Alm zusammenhocken. Gebet und Geselligkeit gehören zusammen für die bodenständigen Trachtler.
Nachgeholt wird die Trachtenwallfahrt nicht – auch wenn immer mehr Lockerungen in den Corona-Beschränkungen möglich sind. „Na, das fallt heuer aus. Christi Himmelfahrt ist Tradition und die bleibt bestehen“, da gibt es keine Diskussionen. Wäre ohnehin schwierig, einen anderen Termin zu finden, denn Birkenstein ist ein beliebter Wallfahrtsort, der viele Pilger anzieht.
Das sieht auch Wallfahrtskurat Hans Schweiger so. Der 60-Jährige ist seit sieben Jahren Pfarrer in dem Marienwallfahrtsort. Die Trachtlerwallfahrt ist neben dem Patroziniumsfest am 15. August die größte Wallfahrt in Birkenstein. Wenn Schweiger, in Baiern (Kreis Ebersberg) mit Brauchtum aufgewachsen, von den Trachtlern erzählt, gerät er ins Schwärmen. „Ich find es gut, dass sie sich auf ihre Wurzeln und ihre Identität besinnen“, sagt er. Das „Miteinander-aufi-Beten“ zur Kapelle an Christi Himmelfahrt, wenn alle in Tracht hochpilgern nach Birkenstein – da geht dem Kurat das Herz auf. Dass das jetzt nicht möglich ist, tut ihm weh. Aber: An Christi Himmelfahrt findet trotzdem um 10 Uhr ein Gottesdienst im Freien statt mit gebührendem Abstand zueinander – „und da werden wir auch für die Trachtler beten“.
Wenn Gauvorstand Schwaiger an dieses Trachtenjahr denkt, blutet ihm das Herz. Heuer hätten viele Vereine Jubiläen gefeiert, sein Kalender war von Mai bis September voller Daten, jedes Wochenende zwei, drei Termine. „Es wär ein wunderschönes Trachtenjahr geworden“, bedauert er. Wenn sich Trachtler wieder treffen dürfen, dann werde es behutsam anlaufen. Man solle im Kleinen wieder anfangen, schlägt Schwaiger vor. Die Vereine könnten mit den Kindern Preisplatteln veranstalten oder einen Heimatabend im kleinen Kreis. Er ist überzeugt davon, dass es dann wieder gut anläuft, denn Tracht und Brauchtum gewännen derzeit stark an Bedeutung. Die Corona-Krise wird den Blick der Menschen noch viel stärker auf Heimat und bodenständiges Leben lenken, glaubt er.
Den Sommer ohne Gaufest und Jubiläen wird Hans Schwaiger auf einer Alm in der Jachenau verbringen. Ab 20. Juni kümmert er sich mit seiner Frau drei Monate um 45 Kälber. Und er weiß schon jetzt: Seine beiden Kinder und die sechs Enkelkinder werden oft zu ihnen kommen. Statt eines Trachtler-Jahres gibt es nun einen echten Familien-Sommer.