Dreimal mehr Bio – kann das gut gehen?

von Redaktion

VON BENEDIKT DIETSCH

Kranzberg/Emmering – Sechsmal hatte er es versucht, sechsmal hatten sie ihn abgewiesen. Bis Anfang April hat Landwirt Josef Reif aus Kranzberg im Landkreis Freising seine Biomilch einfach nicht losbekommen. Die Molkereien in seiner Umgebung hätten keine Verträge mit neuen Lieferanten schließen können, sagt er. Also versuchte er es wieder und wieder, knapp zwei Jahre lang.

Wenn Reif seine Kühe melkt, hört er Radio. Er weiß noch, wie er sich fühlte, als er vergangenes Jahr im Stall die Nachricht hörte: Die bayerische Staatsregierung setzt sich als Konsequenz aus dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ das Ziel, die ökologisch bewirtschafteten Landwirtschaftsflächen zu verdreifachen. Von derzeit etwa elf Prozent auf 30 im Jahr 2030. „Als ich das hörte, war ich so grantig, dass ich den Milchschlauch in die Ecke geschmissen habe“, sagt Reif. Wie soll er seine Milch losbekommen, dachte er sich, wenn noch mehr Biomilchbauern auf den Markt drängen?

Bio, das ist Trend. Denkt man. Stimmt auch: In den letzten 20 Jahren hat sich der Umsatz im deutschen Biomarkt mehr als verfünffacht. Und in Bayern läuft es eigentlich besonders gut. Kein anderes Bundesland hat so viele Öko-Betriebe, nirgends wird mehr landwirtschaftliche Fläche ökologisch bebaut. Bayern, könnte man sagen, ist das Biobundesland. Aber lässt sich die Produktion hier, selbst hier, innerhalb von zehn Jahren verdreifachen? Und wenn ja: Was bedeutet das für Bauern wie Josef Reif?

In der Landwirtschaftsbranche bewertet man das Ziel der Staatsregierung unterschiedlich. Cordula Rutz, Geschäftsführerin der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau (LVÖ), sagt: „Ich bin davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist, um Artenschutz zu gewährleisten und vielen Betrieben eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten.“ Wenn sich die Produktion verdreifacht, nicht aber die Nachfrage, dann werde der Preis „einbrechen“, warnt dagegen Walter Heidl, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes.

Josef Reif hat die Turbulenzen auf dem Biomarkt zu spüren bekommen. „Ich wusste, dass es nicht leicht wird, als ich vor drei Jahren auf Bio umgestellt habe“, sagt er. Also hat der 43-Jährige den Prozess beschleunigt. Normalerweise dauert die Umstellung zwei Jahre: Dünger muss aus den Böden der Felder verschwinden, konventionelles Futter aufgebraucht, der Stall biokonform umgebaut werden. Reif kaufte neues Biofutter, am Stall musste er nicht viel machen. Er schaffte die Umstellung in acht Monaten. Doch das reichte nicht. „Andere“, sagt er, „waren wohl schneller.“

Bis er seine Milch als Biomilch verkaufen durfte, nahmen die Molkereien schon keinen Lieferanten mehr auf. Also verkaufte er seine Biomilch weiterhin als konventionelle. „Das nagt an den Nerven. Wenn du aufstehst und weißt, heute verbrenne ich wieder mein Geld.“ Denn konventionelle Milch bringt deutlich weniger ein. Etwa 120 000 Euro seien ihm so in den letzten beiden Jahren entgangen. „Es ging für mich um das wirtschaftliche Überleben.“

Anfang April war es für ihn endlich so weit. Über zwei Jahre hat er mit der Molkerei Andechs verhandelt, alle paar Monate nachgefragt, ob sie ihm seine Milch abnehmen wollen. Abgesagt hätten sie ihm nie, sagt Reif, aber auch nicht zugesagt. Bis jetzt. Seit April kann Reif seine Biomilch auch zu Biopreisen verkaufen. „Ich bin einfach nur erleichtert“, sagt er.

Die Molkereien nähmen Schritt für Schritt in Bayern wieder Biomilchbauern auf, sagt Cordula Rutz von der LVÖ. Die Situation habe sich wieder entspannt. Sie sieht sogar etwas Positives in der Sache: Durch die Aufnahmeregulierung konnten die Molkereien den Preis stabil halten. Doch nicht jeder Markt hat einen solchen Gatekeeper. Und wenn der fehlt, fällt auch der Preis. Zum Beispiel bei der Produktion von pflanzlicher Nahrung.

Michael Schanderl kann das nur zu gut bestätigen. Der 24-jährige Biolandwirt baut vor allem Getreide an. Zusammen mit seinem Vater führt er den Betrieb in Emmering im Landkreis Fürstenfeldbruck. Auf Bio hat sein Vater bereits 1990 umgestellt. „Vor allem beim Mais und beim Weizen ist der Preis schon spürbar runter“, sagt Schanderl. Gerade der Weizenpreis sei in den vergangenen beiden Jahren um etwa ein Fünftel gesunken.

Grund dafür sind aber wohl nicht nur die zusätzlichen Biobauern. Johannes Enzler von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) sieht auch Importe als einen Faktor an. Gerade beim Getreide gebe es „viel Importware aus dem EU-Ausland und Drittstaaten wie der Ukraine oder Russland“. Das eingeführte Getreide belaste den regionalen Markt zusätzlich.

Kann also der Biomarkt wirklich so wachsen, wie es die Staatsregierung und die Initiatoren des Volksbegehrens gerne hätten? Um diese Frage zu klären, gaben die Grünen in Bayern eine Studie beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBl) und der Marktforschungsfirma Ecozept in Auftrag. Die Forscher kommen zu dem Schluss, es sei zwar theoretisch möglich, dass genügend Bauern ihren Betrieb umstellen. Nur: Bislang wachse die Nachfrage zu langsam, um das 30-Prozent-Ziel zu erreichen.

Es gebe einen Plan, um die Nachfrage anzukurbeln, sagt Wolfgang Wintzer, Leiter des Referats für Ökologischen Landbau im bayerischen Landwirtschaftsministerium. Ein sogenanntes Ökoboard soll geschaffen werden, eine Einrichtung, in der Forschungsergebnisse, Markt-analysen, Angebot und Nachfrage zusammengeführt werden sollen. Außerdem investiere man in Bildung, Forschung und Ausbildung, um Aufklärung zu leisten und so die Nachfrage nach Ökoprodukten zu erhöhen. „Eine wichtige Rolle spielt auch das bayerische Bio-Siegel.“ Ob das reicht? Wintzer sagt: „Zaubern können wir auch nicht.“

Eines der größten Hindernisse, das dem Gelingen des 30-Prozent-Ziels im Weg steht, dürfte eines sein, das den meisten Menschen nur zu gut bekannt ist. Bio-Produkte sind schlichtweg teurer als konventionelle. „Gerade beim Fleisch ist die Differenz groß“, sagt Enzler vom LfL. Das dürfte auch künftig viele vom Kauf abhalten. Die Studie von FiBl und Ecozept geht davon aus, dass Deutsche derzeit im Schnitt zehn Euro pro Monat für Bioprodukte ausgeben. Um das 30-Prozent-Ziel zu erreichen, so wurde es in der Studie berechnet, müssten diese Ausgaben auf über 50 Euro wachsen.

Gerade durch die Corona-Krise könnte das schwierig werden. „Wenn die Menschen weniger Geld haben, dann sparen sie an Lebensmitteln“, sagt Josef Reif. Die letzten zwei Jahre machten den Landwirt skeptisch, was den Biomarkt angeht. „Gerade geht es mir wieder gut“, sagt er. Doch allzu optimistisch möchte er nicht in die Zukunft blicken. Und da sei er nicht allein, sagt er. „Ich kenne allein in meiner Gemeinde zwei Milchbauern, die gerne umstellen würden.“ Doch die wüssten, wie schwierig das bei ihm war. Und lassen es bleiben.

Artikel 6 von 11