Kinder missbraucht: Logopäde muss in Haft

von Redaktion

VON ANGELIKA RESENHOEFT

Würzburg – Die Brutalität der Übergriffe eines Logopäden auf behinderte Kinder schockiert auch erfahrene Ermittler: In einem der größten Missbrauchsprozesse in Bayern ist ein Sprachtherapeut zu elf Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Zudem darf er lebenslang keine minderjährigen Jungen mehr therapieren. Der 38-Jährige hat sich nach Überzeugung des Landgerichts Würzburg jahrelang an körperlich und/oder geistig behinderten Jungen sexuell vergangen. Viele der Opfer trugen noch Windeln, waren zwischen zwei und sechs Jahre alt. Das Urteil der Großen Jugendkammer vom Montag ist noch nicht rechtskräftig. (Az. 510 Js 541/19 jug)

„Der Angeklagte hat im Ergebnis ganze Familien pulverisiert“, sagte der Vorsitzende Richter Michael Schaller. Er schilderte in seiner Urteilsbegründung detailliert den Weg eines beruflich und privat erfolgreichen Mannes zu einem Menschen, dessen unfassbares Tun tief erschüttere. „Immer wieder hat der Angeklagte seine Taten gefilmt“, mit dem Ziel, sie in Tauschbörsen im Darknet zu veröffentlichen.

Der Angeklagte sagte am letzten Verhandlungstag, er habe sich deshalb im Prozess nicht ausdrücklich entschuldigt, da es keine Entschuldigung für diese Taten gebe. Er sei sich seiner Schuld und des Schadens bewusst, den er bei den Kindern, deren Angehörigen, seinen Mitarbeitern, seinem Ehemann und auch seinen Pflegekindern verursacht habe, berichtete Gerichtssprecher Rainer Volkert. Das nahm die Kammer dem Deutschen nicht ab. „Er hat sich nicht als mitfühlend darstellen können“, sagte Schaller. Die Verteidiger des Mannes sehen das anders. „Ich hatte den Eindruck, dass unser Mandant wirklich schuldeinsichtig ist“, sagte Rechtsanwalt Jan Paulsen. Womöglich werde die Verteidigung in Revision gehen.

Seine sexuellen Fantasien lebte der 38-Jährige den Ermittlungen zufolge jahrelang an seinen wehrlosen Patienten aus. Viele von ihnen könnten kaum reden, sagte Schaller. „Diese Patienten konnten den Angeklagten nicht verraten.“ Während die Erzieher mit den anderen Kita-Kindern im Morgenkreis zusammensaßen, war der Angeklagte mit den ihm anvertrauten Buben in Nebenräumen zur Therapie alleine. „Die Umstände haben es ihm leicht gemacht.“ Der in Würzburg angesehene und für seine Verdienste ausgezeichnete Logopäde soll seine Opfer in mehr als 60 Fällen schwer sexuell missbraucht haben.

Die Mitarbeiter der Einrichtungen haben nach Erkenntnis der Polizei von den Übergriffen nichts mitbekommen. Auch der Ehemann des Therapeuten wusste demnach nichts von den Umtrieben seines Partners, der sich zudem nahezu jeden Abend im Darknet tummelte. Der 38-Jährige verbreitete die Missbrauchsvideos online, so kamen ihm die Ermittler auf die Schliche. Die Kammer verurteilte ihn auch wegen Herstellens kinderpornografischer Schriften. In seiner Wohnung stellten Polizisten knapp 23 000 Dateien mit Missbrauchsinhalten sicher.

Einige Nebenklagevertreter forderten Sicherungsverwahrung. Diese wird angeordnet, um die Allgemeinheit auch nach Verbüßung einer Haftstrafe vor dem Täter zu schützen. Die Voraussetzungen dafür seien aber nicht gegeben gewesen.

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