München – Die Corona-Zeit hat etliche Menschen einsam gemacht. Homeoffice und Ausgangsbeschränkung wecken den Wunsch nach Gesellschaft. Ein Tier als treuer Begleiter scheint für viele eine gute Alternative zu sein. „Tiere nehmen einem die Einsamkeit“, weiß Allegra Rudek (21). „Sie sind bedingungslos da, das gibt Kraft und Hoffnung.“ Die angehende Tierpflegerin aus dem Schongauer Tierheim glaubt: „Der Lockdown hat Entschleunigung gebracht. Die Leute hatten mehr Zeit, sich Gedanken zu machen und bewusst für ein Tier zu entscheiden.“
Das Schongauer Tierheim hat in kurzer Zeit so viele Tiere vermittelt wie lange nicht: circa 25 Hasen, 30 Katzen, etwa acht Mischlingshunde. „Auch welche, die bisher keiner wollte, haben ein neues Zuhause gefunden.“ Gina zum Beispiel, eine tschechische Hütehündin, „ganz lieb, aber sehr groß und recht stürmisch“. Keiner der bisherigen Interessenten wollte sie haben. Während der Corona-Beschränkungen ging es auf einmal ganz schnell: Jetzt tollt Gina in der Bodenseegegend herum.
Auffällig viele Anfragen bekommen auch die Tierheime Starnberg und Ebersberg. „Allein im April/Mai haben wir 40 Tiere vermittelt, vor allem Hunde und Katzen“, sagt Evelyn Bauer, Leiterin des Ebersberger Tierheims. „Wir haben gute Plätze gefunden, mehr als sonst“, freut sie sich. „Was Katzen anbelangt, ist unser Tierheim recht leer.“ Sogar Sheema, eine 15 Jahre alte Katzendame, hat auf ihre alten Tage eine Bleibe gefunden. „Die hat vorher keiner angeschaut.“
Zu Beginn der Kindergarten- und Schul-Schließungen habe es vermehrt Anrufe von Eltern gegeben, die vorübergehend Tiere aus dem Heim holen wollten, damit sich die Kinder daheim nicht langweilen. „ Das machen wir nicht.“ Inzwischen gehen in Ebersberg Anfragen von Tierheimen aus ganz Deutschland ein. „Tierheime suchen Tiere, um sie an Interessenten zu vermitteln.“ Aber bei Evelyn Bauer werden zurzeit gar keine Tiere abgegeben. „Vor Corona kam jede Woche eines zu uns.“
Für die große Nachfrage hat die Tierschützerin verschiedene Ursachen ausgemacht: Einsamkeit, mehr Zeit und fehlende Auslandstiere. „Der Tierhandel über die Grenzen ist derzeit nicht möglich.“ Durch die Schließung der Grenzen in Richtung Osteuropa ist auch der teils illegale Welpenhandel weggefallen. Nun meldet der Dachverband der deutschen Hundezüchter „Nachfrage ohne Ende“. Einige Züchter hätten Wartelisten im dreistelligen Bereich. Vor allem Labradore oder Golden Retriever seien begehrt. Aber auch bei Rassen, die sonst nicht so stark nachgefragt sind, seien viele Welpen schon vermittelt, bevor sie auf der Welt seien.
Bei all der Freude über die große Tierliebe – es schwingen auch Bedenken mit, dass die Begeisterung verfliegt und Tiere zurückgegeben werden, sobald normaler Alltagsstress herrscht. „Zentrales Thema bei der Vermittlung von Tieren ist derzeit: Was ist nach dem Homeoffice?“, erklärt Tessy Lödermann, die das Tierheim in Garmisch-Partenkirchen leitet. Selbst wenn es nun mehr Anfragen gäbe als sonst: „Wir entscheiden zum Wohl des Tieres.“ Ihr Team habe genau geprüft, ob die Abnehmer auch nach der Rückkehr ins Büro noch genug Zeit hätten für einen Hund.
Sorgen bereiten den Garmischer Tierschützern die Finanzen. Weil für Publikumsverkehr geschlossen ist, bleiben Spendenboxen leer, Veranstaltungen zugunsten der Einrichtung mussten abgesagt werden. „Wir haben durch Corona circa 30 000 Euro an Einnahmen verloren“, klagt Tessy Lödermann. Geldprobleme plagen offenbar auch so manchen Tierbesitzer. „Wir haben schon eine Katze und einen kranken Hund reinbekommen, weil sich die Besitzer wegen Kurzarbeit und Verdienstausfall die Tierarztkosten nicht mehr leisten können.“