Mission Elefantenhaus

von Redaktion

ALTE SCHRIFTSTÜCKE UND IHRE GESCHICHTEN Karl Schußmanns Vater bekam einen Spezialauftrag

München/Wartenberg – Es herrscht Krieg. Bei Luftangriffen auf München fallen in der Nacht auf den 9. November 1940 Bomben auf die Stadt. Unter anderem treffen sie das Elefantenhaus im Tierpark, das Wahrzeichen des Zoos, mit seiner 18 Meter hohen Glaskuppel. Darin wohnten neben Elefanten „zwei vom Führer gestiftete Giraffen m. Jungem, 3 grosse Nilpferde, 3 wertvolle Zwergflusspferde, 2 Tapire und 5 sehr seltene aus dem Zoo Rom kommende Wildesel“, heißt es in einem offiziellen Brief der Tierpark-Verwaltung an das Wehrmeldeamt München. Die exotischen Tiere brauchen das Warmhaus, also muss die Kuppel repariert werden, argumentiert die Münchener Tierpark AG: „Wenn die Arbeiten nicht sofort in Angriff genommen werden, haben wir schwerste Schädigungen unseres wertvollen, oben aufgeführten Tierbestandes zu gewärtigen.“ Doch für solch diffizile Glasarbeit braucht es einen Experten, und zwar: Karl Schußmann. Für ihn wird deshalb das Rückstellungsgesuch gestellt.

„Mein Vater war wirklich ein hervorragender Zinngießer- und Glasermeister, er hatte einen sehr guten Ruf“, erzählt Karl Schußmann. Er hat das Rückstellungsgesuch für seinen Vater in alten Unterlagen zu Hause in Wartenberg (Kreis Erding) wiedergefunden. Die Geschichte kannte er schon lange. Der heute 70-Jährige war zu jener Zeit zwar noch Zukunftsmusik, doch von den Arbeiten an der Glaskuppel im Tierpark hat ihm der Vater schon in der Kindheit erzählt. Denn für den Vater war dieser Auftrag eine kleine Rettung, eine Pause vom Zweiten Weltkrieg. Er war gerade in Italien stationiert – warum genau, weiß sein Sohn nicht mehr – und wurde wegen der Kuppel heim geholt. „Er hat sich unheimlich gefreut, dass er seine Familie wiedersehen durfte, meine Mutter und meine Schwester . Es muss eine schöne Zeit gewesen sein.“ Und eine spektakuläre Aufgabe: Aus den Dokumenten lässt sich folgern, dass Schußmann mehr als drei Monate an der Glaskuppel gearbeitet hatte. Danach ging es jedoch zurück an die Front. Schußmann kam nach Russland, geriet in Kriegsgefangenschaft. 1948 kehrte er nach Hause zurück; ein großes Glück für die Familie. Vor allem für Schußmann junior: Er wurde erst danach geboren, 1950 in Wartenberg.

Der Vater arbeitete zunächst weiter als Glasermeister, musste aber wegen einer Bleivergiftung aufhören. Der Sohn trat in die späteren beruflichen Fußstapfen des Vaters, übernahm seine Versicherungsagentur. Was der Vater ansonsten zu Kriegszeiten erlebte, weiß Schußmann allerdings nicht. „Über den Krieg hat mein Vater niemals geredet.“ Aber: über die wunderbare Pause – im gläsernen Elefantenhaus. NINA PRAUN

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