München – Ein Auto reiht sich hinter das andere, die Fahrer brauchen Geduld, bis sie vorankommen. Staus, wie man sie normalerweise vom Berufs- und Ausflugsverkehr kennt, gab es in den vergangenen Wochen auch an vielen Wertstoffhöfen in Bayern. „Die Autos stehen Schlange“, sagt Claudia Knopp von der Erbenschwanger Verwertungs- und Abfallentsorgungs-Gesellschaft mbH, ein Unternehmen des Landkreises Weilheim-Schongau. Vier Wochen waren die Wertstoffhöfe der EVA wegen der Corona-Pandemie geschlossen. „Jetzt herrscht Hochbetrieb“, berichtet Knopp. In diesen Tagen liefern die Bürger besonders häufig Möbel und Hausrat an. „Die Leute hatten während der Ausgangsbeschränkung viel Zeit, um auszumisten“, vermutet Knopp.
Während des Lockdowns ist auch der Haushaltsmüll gestiegen. Die Deutsche Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW) geht beim Restmüll von einer Erhöhung von bis zu 20 Prozent und beim Altpapier in Spitzen sogar von bis zu 40 Prozent aus. „Die Menschen waren mehr zu Hause, haben dort mehr gekocht und Keller und Dachböden entrümpelt. Einige haben sicher auch aus hygienischen Gründen vermehrt verpackte Produkte eingekauft“, erklärt Isabelle Henkel, Fachreferentin bei der DGAW. Auch der Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen (VBS) beobachtete den Haushaltsmüll-Trend. Die Kapazitäten seien aber noch nicht erreicht gewesen. „Die Verbrennungsanlagen waren nicht voll ausgelastet“, berichtet VBS-Geschäftsführer Rüdiger Weiß. Was ihm in Corona-Zeiten wichtig ist: „Wer erkrankt ist, sollte aus Gründen der Hygiene und des Infektionsschutzes auch Recyclingprodukte in die Restmülltonne werfen.“
Eine weitere Entwicklung, die die DGAW und der VBS beobachten, ist ein massiver Rückgang des Gewerbemülls. Das entspricht ebenfalls der Erfahrung vieler Kommunen: „Die Gewerbemüllmenge war wegen der Schließung der Geschäfte zuletzt niedriger als im Vorjahr“, berichtet zum Beispiel Daniela Fritzen vom Landratsamt in Erding.
Auch in der Stadt München ist der Trend zu spüren. Gesunken ist dort außerdem das Altpapier-Gewicht um elf Prozent. „Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass mehr Kartonagen angefallen sind“, vermutet Willi Schüler von dem Abfallwirtschaftsbetrieb München. Weil diese mehr Platz benötigen, wären die Papiertonnen zwar voller, aber leichter. Insgesamt gab es in München beim privaten Hausmüll eine Steigerung von achteinhalb Prozent. Während des sechswöchigen Lockdowns fielen heuer 35 500 Tonnen Müll an, im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 32 700 Tonnen.
Auch die Bürger aus dem Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen haben von Januar bis April sechs Prozent mehr Restmüll verursacht. „Das ist für uns auch ein Kostenfaktor“, erklärt Reiner Späth von der WGV Recycling GmbH. Für die Tonnen wird eine pauschale Jahresgebühr veranschlagt – die Müllmenge steigt, die Einnahmen aber nicht. Es wurden zudem 40 Prozent mehr Sperrmüll und gewerbliche Abfälle entsorgt, so Späth. „Im März gab es einen rasanten Anstieg.“ Auch er tippt auf Entrümpler und Heimwerker. Die Wertstoffhöfe waren in Bad Tölz die überwiegende Zeit offen. „Aber zum Teil mussten wir schließen, weil das Aufkommen nicht mehr beherrschbar war“, berichtet er.
Auch im Kreis Freising ist viel los: „An den Wertstoffhöfen mussten wir die Container öfter leeren“, sagt Eva Zimmerhof vom Landratsamt. Dort hat ebenfalls das Restmüllaufkommen zugenommen: „Die Müllbehälter waren oft stark voll.“ Größere Mengen beim Haus-, Rest- und Sperrmüll verzeichnet zudem die Müllladestation Isen, wo der Abfall für den Landkreis Erding abgewickelt wird. Einen Anstieg habe es auch bei Kartonagen aus Versandverpackungen gegeben – wohl wegen der vermehrten Internetbestellungen.
Im Kreis Garmisch-Partenkirchen ist der Trend nicht zu beobachten. „Größere Müllmengen gab es bisher nicht“, sagt Landratsamtssprecher Stephan Scharf. „Auch die Einwegmasken fallen nicht ins Gewicht.“ Nur beim Altglas sei eine Steigerung bemerkbar: „Wahrscheinlich, weil die Menschen mehr Getränke zu Hause konsumieren“, vermutet Scharf. In Garmisch-Partenkirchen hat man vorgesorgt: „Wir haben die Menschen pro-aktiv informiert, dass sie nicht aus Langeweile entrümpeln und alles zum Wertstoffhof fahren sollen“, berichtet Scharf. Der große Ansturm ist ausgeblieben – und auch anderenorts werden die Schlangen wieder kürzer.