München – Diskussionen um Reformen in der katholischen Kirche – in Deutschland haben immer wieder solche Dialogrunden stattgefunden. Von 2010 bis 2015 erst der „Gesprächsprozess“, der nach den Erschütterungen durch den Missbrauchsskandal der Kirche neue Glaubwürdigkeit bringen sollte. Nun soll dieses Ziel vom „Synodalen Weg“ weiterverfolgt werden.
Der Auftakt Anfang Februar in Stuttgart war recht vielversprechend. In vier Foren zu den Themen Sexualmoral, die priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen in der Kirche soll beraten werden – und in Synodalversammlungen mit mehr als 250 Teilnehmern um Beschlüsse gerungen werden. Doch Corona kommt dem Prozess in die Quere. Aus der für September geplanten zweiten Versammlung wurden wegen der Ansteckungsgefahr fünf kleine Regionalversammlungen am 4. September, um am Ball zu bleiben. Eine davon in München.
Die Debatten seit Bekanntwerden der neuen Pläne zeigen, wie holprig der „Synodale Weg“ ist. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, vehementer Gegner von Reformen, empört sich über das Konzept der Regionalkonferenzen. In einem Protestbrief warf er dem Präsidium – dem Präsidenten des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg, und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing – „hierarchische Alleingänge“ vor. Die Vollversammlung ließe sich problemlos als Videokonferenz durchführen. Das lehnen andere Teilnehmer ab, weil echte Diskussionen so unmöglich seien. Da würden nur vorgefertigte Pamphlete verlesen. Hans Tremmel, Vorsitzender des Diözesanrats im Erzbistum München und Freising, findet Regionalkonferenzen gut, damit der Faden nicht abreißt. „Wir sollten den Synodalen Weg nicht aus dem Auge verlieren.“
Querschüsse kommen auch vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Er kritisiert, für viele sei der „Synodale Weg“ kein Weg mit offenem Ende, sondern ein Projekt, dessen Ergebnis sein müsse: Aufhebung des Pflichtzölibats, Frauendiakonat und Reduktion der katholischen Sexualmoral auf den Satz „Freiwillige sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen welcher Art auch immer sind nicht zu beanstanden“. Er befürchtet, dass die Kirche ihre Identität verliere: „Die katholische Kirche muss katholisch bleiben.“
Doch auch „Reformer“ haben Bedenken – nicht nur wegen der starren Haltung der Reformgegner, sondern wegen Corona. Gudrun Lux, ZdK-Mitglied und Stadtratsmitglied der Grünen in München, klingt frustriert. Sie arbeitet mit im Forum „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“, in dem auch Voderholzer und Woelki vertreten sind. Schwerfällig sei das erste Treffen gewesen. „Ich habe das Gefühl, die Argumente sind seit 40 Jahren ausgetauscht.“ Die 40-Jährige wäre eher dafür, beim „Synodalen Weg“ eine Pause einzulegen und 2021 von vorne anzufangen. Die Mutter zweier kleiner Kinder hat Sorgen wegen Corona: „Ich halte mich an jede Vorschrift, habe meine Eltern und Geschwister monatelang nicht gesehen und dann soll einer der ersten größeren Termine, den ich nach meiner Isolation mache, ein Treffen mit den Teilnehmern vom Synodalen Weg sein?“, fragt sie. „Das ist ein völliges Verkennen der eigenen Relevanz“, ärgert sie sich über ihre Kirche. Kirche solle sich lieber Gedanken darüber machen, wie sie heute überhaupt an die Leute herankomme. Gerade ältere Teilnehmer könnten durch ein Treffen im September wegen Corona gefährdet sein. Sie schrieb mit zwei jüngeren ZdK-Mitgliedern Ende April einen Brief ans Präsidium mit der dringenden Bitte, das nächste Treffen wegen der Corona-Krise abzusagen. Einen Monat warteten sie auf Antwort – dann kam die Einladung zu Regionaltreffen. Lux fühlt sich mit ihren Bedenken nicht ernst genommen. Bei Regionaltreffen könnten keine Entscheidungen getroffen werden – und für „ein Kaffeekränzchen lohnt es das Risiko nicht“. Zudem ärgert sie sich über bischöfliche Lektüre-Empfehlungen, „da wird von der ‚Frau als untergeordnetes Geschlecht’ und vom ‚Schamgefühl des weiblichen Geschlechts“ gefaselt, das ist echt kaum auszuhalten.“