Die Chöre wollen wieder singen

von Redaktion

VON CLAUDIA SCHURI

München – „Die Stimme“, sagt Miriam Kempf, „ist wie ein Instrument. Man muss dran bleiben und üben.“ Sie ist Vorsitzende des Sängerhorts Freising mit rund 50 aktiven Mitgliedern und singt im großen Chor. Die letzte Probe fand Anfang März statt, eine Perspektive, wie es weitergeht, gibt es nicht. „Aber ganz ohne Probenarbeit ist es schwierig“, sagt Kempf. Für das Musikalische genauso wie das Soziale. „Das gesellige Zusammenleben ist das Wichtigste und geht verloren“, bedauert sie. Natürlich sei es selbstverständlich bei einer Wiederaufnahme des Probebetriebs, dass Abstand- und Hygieneregeln eingehalten werden. „Man könnte auch in kleineren Gruppen beginnen“, schlägt sie vor.

Bayernweit ist der Unmut bei vielen Sängern groß, weil sie – im Gegensatz zu Blaskapellen – noch immer nicht wissen, wann und wie sie wieder loslegen können. Vergangenen Freitag gab es die Mitteilung, dass ein eingeschränkter Probenbetrieb für Laien-Instrumentalgruppen wieder möglich sei. Chöre und Gesangsgruppen wurden dabei wegen „der erhöhten Infektionsgefahr, die mit lautem Gesang verbunden ist“, ausgeschlossen.

Das wollen die bayerischen Chorverbände, die rund 90 000 Sänger vertreten, so nicht hinnehmen. Die Präsidenten Karl Weindler vom Bayerischen Sängerbund, Paul Wengert vom Chorverband Bayerisch-Schwaben, Friedhelm Brusniak vom Fränkischen Sängerbund und Hermann Arnolf vom Maintal Sängerbund haben sich deswegen mit einem Brief an Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), Kunstminister Bernd Sibler (CSU) und Staatskanzlei-Leiter Florian Herrmann (CSU) gewandt. „Lauter Gesang kann kein Kriterium sein“, sagt Wengert vom Chorverband Bayerisch-Schwaben. „Die Aussage, dass dadurch die Infektionsgefahr erhöht ist, ist undifferenziert und stimmt so nicht.“ Die Chorverbände verweisen dazu auf Studien der Hochschule für Musik in Freiburg und der Universität der Bundeswehr in München zum Thema Musizieren während der Corona-Pandemie. Dem Brief beigefügt ist außerdem der Entwurf eines Hygienekonzeptes, das für die Chöre als Grundlage dienen könnte. Darin enthalten sind zum Beispiel Vorgaben zu den Abstandsregeln, der Größe und Lüftung der Übungsräume und der Umgang mit Noten.

In den letzten Tagen sei das Telefon nicht stillgestanden, berichtet Karl Weindler vom Bayerischen Sängerbund. „Wir bekommen sehr viele Anfragen“, sagt er. Denn wenn die Chöre weiterhin keine Perspektive bekommen, könne das weitreichende Folgen haben: „Eine Gemeinschaft kann schnell auseinander bröckeln“, befürchtet er. Virtuelle Proben seien zwar eine Möglichkeit, damit das Chorleben nicht komplett einschläft, aber weder sozial noch musikalisch ein gleichwertiger Ersatz.

Trotzdem hat die Technik vielen Chören die Zeit in der Corona-Krise leichter gemacht. „Wir haben Hausaufgaben bekommen und gemeinsam ein Lied aufgenommen“, sagt Rudi Braunegger von der Chorgemeinschaft Unterpfaffenhofen Germering (Kreis Fürstenfeldbruck). Jeder habe eine Aufnahme erstellt, die dann zusammengefügt wurden. „Jetzt warten wir darauf, dass es wieder richtig losgeht“, sagt er. „Aber wir wollen auch nichts riskieren.“ So ähnlich sieht es Maite Bücheler vom Isura-Madrigal-Chor aus Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). „Uns ist es wichtig, vorsichtig zu sein und auf Sicht zu fahren“, betont sie. Auch dieser Chor hat ein Lied aufgenommen. Der Chorleiter dichtete ein Volkslied um, damit es zu Corona passt. Das Ende: „Ich möcht als Sänger singen, laut in die Welt hinaus. Singen meine Weisen, nicht sitzen nur zu Haus.“

Artikel 6 von 11