Rocker-Krieg am Nordfriedhof

von Redaktion

VON NADJA HOFFMANN

München – Die Rocker-Attacke war brutal, blutig und geschah mitten am Tag: Vor einer Ladenzeile an der Ecke Ungerer- und Domagkstraße wurden drei Männer angegriffen, teils niedergestochen, angefahren und dabei schwer verletzt. Die Ermittlungen des Dezernats für Organisierte Kriminalität und Bandenkriminalität laufen auf Hochtouren. Ob der Vorwurf auf versuchten Mord lautet, war bis gestern unklar. Die Staatsanwaltschaft hatte, wie Polizei-Pressesprecher Marcus da Gloria Martins erklärte, die Ereignisse bis dahin noch nicht „deliktisch eingeordnet“.

Die Tat vom Mittwoch stellt jedenfalls einen neuen Höhepunkt in dem seit Jahren dauernden Streit zwischen rivalisierenden Rockerbanden dar. Ein 45-jähriger Mann aus dem Landkreis München ging gegen 16 Uhr zum Einkaufen in den Edeka gegenüber dem Nordfriedhof. Dabei wurde er von zwei Männern auf dem Bürgersteig abgepasst, niedergestochen und blutend liegen gelassen. „Das waren Szenen wie im Krieg“, sagt eine Augenzeugin, die aus Angst vor den Rockern ihren Namen nicht nennen will. Die gelernte Krankenschwester eilte dem Schwerverletzten zu Hilfe, versuchte, die Blutungen zu stillen – genauso wie zwei Männer (42 und 56 Jahre), die zum direkten Umfeld des Opfers gehören.

Die Frau ging kurz in einen Laden, um Tücher zu bekommen. „Das war mein Glück.“ Denn plötzlich donnerte ein schwarzer Mercedes Vito auf den Bürgersteig und fuhr einen der Helfer an. Männer sprangen aus dem Wagen und attackierten die Gruppe. Wieder wurde zugestochen. Auch die ersten Angreifer beteiligten sich an der Gewaltorgie. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei, die Männer flohen mit mindestens drei Fahrzeugen.

„Das war alles wie in einem Film. Man wusste gar nicht, was da gerade passiert“, sagt Horst Deutmeyer. Der 80-Jährige saß zum Tatzeitpunkt gemütlich bei einer Tasse Kaffee vor der Ladenzeile und wartete auf seine Frau Uschi, die beim Einkaufen war. Die rohe Gewalt, das Blut, die schockierenden Szenen ließen ihn erstarren: „Ich hatte Angst.“ Für die beiden blieb es nicht bei einer Tasse Kaffee. Das Auto der Deutmeyers stand genau dort, wo es zur Attacke gekommen war. Und es durfte in den vielen Stunden, in denen Spuren genommen und Zeugen befragt wurden, nicht bewegt werden. Die großräumige Straßensperrung und Fahndung nach den Tätern führte zu massiven Verkehrsbehinderungen. Das Viertel war im Ausnahmezustand: Blaulicht, Polizisten in Schutzkleidung, der Hubschrauber kreiste. Wer Infos oder Videos hat, soll sich bei der Polizei unter 089/29100 melden.

Bis gestern konnten die Ermittler fünf Rocker festnehmen. Vier davon sind wieder auf freiem Fuß. Gegen 20 Uhr wurde der Vito am Hart gefunden. „Offensichtlich haben wir es mit einer äußerst brutalen Auseinandersetzung polizeibekannter Rockergruppen zu tun“, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dem Radiosender Antenne Bayern. Konkrete Namen nennen weder er noch die Polizei.

Über den knallharten Rockerkrieg in der Stadt hat unsere Zeitung aber schon im Jahr 2015 berichtet: Damals kam es zu einer Massenschlägerei und Messerstecherei im Crowns Club. Daran beteiligt: das Charter „Deep South“ der Hells Angels und die Straßengang Black Jackets, die sich 2013 in München etabliert hatte. Ein Jahr später griff die Polizei durch, brachte die gesamte Führungsriege hinter Gitter. Seitdem wurde es ruhig um die Black Jackets. Für ihre alten Konflikte gilt das offenbar nicht.

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