München – Am Wochenende wird es wieder arg. Josef Bierschneider, Bürgermeister von Kreuth (Kreis Miesbach), rechnet am letzten Pfingstferienwochenende wieder mit einem Ansturm von Tagesausflüglern. Er hat ja auch Verständnis dafür – schließlich ist sein Ort und die Umgebung ein regelrechtes Ausflugsparadies. Damit das aber auch so bleiben kann, richtet er einen dringenden Appell an alle Besucher: „Nehmt mehr Rücksicht aufeinander und auf die Natur!“
So einen Andrang wie in den vergangenen Wochen hat der Bürgermeister noch nicht erlebt. „Überall war alles zugeparkt. An den Bundesstraßen auf beiden Seiten parkende Autos, was auch zu brenzligen Situationen geführt hat, weil ausfahrende Anlieger die Straße nur noch schwer einsehen konnten.“ Doch das war nicht alles. Die Autos standen in den Wiesen, Rettungswege waren versperrt. Bierschneider bittet eindringlich um Vernunft und Einsicht: „Unser Anliegen ist, dass die Besucher, die uns natürlich willkommen sind, Rücksicht nehmen auf die Bevölkerung vor Ort. Wenn Parkplätze übervoll sind, sollten sie sich nicht noch irgendwo hin einzwicken, sodass Rettungsfahrzeuge nicht mehr durchkommen. Suchen Sie sich einen anderen Ausflugsort, seien Sie ein bissl flexibel.“
Auch auf den Bergen wird es deutlich enger – auch da ist es laut Bierschneider umso wichtiger, dass die Menschen auf den ausgewiesenen Wegen bleiben und keine Abkürzungen nehmen, weil es den seltenen Bergblumen schadet. „Es beunruhigt auch das Wild, das sich wegen des hohen Freizeitdrucks ohnehin zurückzieht.“ Sorgen bereiten dem Bürgermeister auch immer mehr Mountainbiker, „denen es nicht mehr ausreicht, auf normalen Wegen zu bleiben. Man sucht das Abenteuer, querfeldein zu fahren.“ Er habe massive Beschwerden von Almbauern, denen die Radler quer durch die Wiesen fahren, die Gatter nicht wieder schließen und das Vieh verschrecken.
Davon kann auch Hans Stöckl, Geschäftsführer vom Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern, ein Lied singen. Erst am Dienstag war er bei einem Almbauern in Bad Feilnbach (Kreis Rosenheim), der Tiere von seiner Alm-ähnlichen Heimwiese am Berg nehmen musste. „Da fahren die Mountainbiker in der Nacht über die Wiese, beunruhigen die Tiere so, dass sie fluchtartig ausreißen und sich verletzen“, sagt Stöckl. Drei Kalbinnen musste er mit Verletzungen in den Stall bringen. Von vielen Almbauern bekommt er Meldungen, dass nach den Corona-Lockerungen viel mehr Menschen auf den Almen unterwegs sind. Bei vielen von ihnen, glaubt Stöckl sogar wohlwollend, sei es Unwissenheit und nicht grobe Absicht, wenn sie sich falsch verhalten. Allen Ausflüglern legt er daher dringend ans Herz:
. Gatter müssen geschlossen werden
. auf den Wegen bleiben und keine neuen Abkürzungen in die Wiese trampeln
. kein Picknick auf der Wiese machen, sondern die Pause an den Wirtschaften machen oder am Waldrand
. nicht mit Rädern durch die Herde fahren
. nicht mit dem Hund an der
Leine auf die Weidetiere zu-
gehen, „weil die den Hund für einen Wolf halten und ihr
natürliches Abwehrverhalten
zeigen“. Ansonsten gelte na-
türlich auch am Berg: Hunde
an der Leine zu führen, deren
Kot wie im Tal einzusam- meln und unten zu entsor-
gen. Stöckl ist davon über-zeugt, dass es mehr Aufklä-
rung braucht. Das Landwirt-
schaftsministerium plane ei
ne Sensibilisierungskampa-
gne für Alm- und Naturbesucher. Die Almbauern würden
sich wünschen, dass solche
Alltagskompetenzen auch im
Schulunterricht vermittelt werden.
Und immer wieder die Bitte um mehr Rücksichtnahme: die Radler auf die Ausflügler, die Wanderer auf die Almen, die Tiere und die Pflanzen. Und vor allem: Dass die Besucher ihren Müll nicht einfach in der Natur liegen lassen. „Unser Bauhof ist massiv zusätzlich unterwegs, um nach den Wochenenden den Müll in der Landschaft einzusammeln“, ärgert sich Bürgermeister Bierschneider. „Als Besucher sollte man mit dem Bewusstsein kommen: ich bin hier Gast und benehme mich auch so.“ Obwohl der Druck durch die wachsende Zahl der Ausflügler steigt, will Bierschneider keine Eskalation. Er plädiert für ein Miteinander von Tagesbesuchern, Urlaubern und Einheimischen – alle sollen ihre Freude an der Natur haben. „Wenn jeder sich daran hält, Rücksicht auf den anderen zu nehmen, dann müsste es gehen“, glaubt er.
Der Kreuther Bürgermeister möchte keine Konfrontation zwischen Münchnern und den Bewohnern des Oberlands: „Wir leben voneinander. Auch die Münchner brauchen die Menschen im Umland, die in der Stadt zum Einkaufen fahren oder ins Theater gehen. Das ist eine Wechselbeziehung“, sagt Josef Bierschneider. Gerade die Corona-Krise habe gezeigt, wie sehr man voneinander abhänge. „Es ist wichtig, dass wir gut zusammenarbeiten. Es geht um ein vernünftiges Miteinander.“