Gefangen in einer Miniatur-Welt

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH (TEXT) UND MARCUS SCHLAF (FOTOS)

Die Friedensgespräche ziehen sich seit Tagen hin. An einem runden Tisch in einem Konferenz-Gebäude sitzen die Machthaber zusammen und verhandeln. Es geht um die letzte Phase des Krieges, der in den vergangenen Monaten in Nordafrika getobt hat. Dort sind sich Soldaten und Panzer gegenübergestanden. Die Deutschen haben sich nun zurückgezogen, die Amerikaner stehen kurz vor Ägypten. Sie hatten mehr Glück. Würfelglück. Denn dieser Krieg tobt in einer Welt, in der der liebe Gott würfelt, sobald eine folgenschwere Entscheidung ansteht. Auch jetzt, bei den Friedensverhandlungen, liegen die Würfel griffbereit. Es wird gerade wild diskutiert, als die Runde plötzlich gestört wird. „Eberhard, der Kaffee ist fertig“ – in der Tür steht Gilla Lucks. Sie ist die Treppe runtergekommen, um ihren Mann zurückzuholen in seine andere Welt. Die, in der er nicht der liebe Gott ist – sondern Eberhard Lucks, 81, pensionierter Auto-Verkäufer und passionierter Bastler.

Es ist einer dieser Tage, an denen Lucks völlig die Zeit vergessen hat, während er in seinem Keller in Pullach im Landkreis München saß, um Krieg und Frieden zu spielen. Passiert ihm häufig. Denn was er sich hier zusammengezimmert hat, ist mehr als ein Spiel. Es ist seine Art, mit seinen Kindheitserinnerungen fertig zu werden. Er kann den Krieg nicht hinter sich lassen, deshalb würfelt er ihn aus. Jeden Tag aufs Neue.

Der Raum ist nicht groß. Aber kein Raum wäre groß genug für Eberhard Lucks’ Fantasie. Auf Tischhöhe sind an den Wänden Holzplatten befestigt. Sie sind zu einer riesigen Landschaft verschmolzen. Gebäude, Flüsse, ganze Industriegebiete mit Schornsteinen, aus denen der Rauch zieht, Bankenviertel, Casinos, Friedhöfe, Kirchen, Farmen, Atomkraftwerke und Öltürme, aber auch Windräder. „Die Welt muss ja funktionieren“, sagt er nüchtern. Es gibt ein U-Bahnsystem. „Falls die Soldaten schnell von einem Ort zum anderen müssen.“ Sie können natürlich auch einen ihrer 2000 Jeeps nehmen – oder die Torpedoboote und Düsenjets.

Die Welt von Eberhard Lucks besteht aus hunderten, liebevollen Details. In mühevoller Bastelarbeit bemalt, beklebt oder zusammengesetzt. Der Fantasie sind hier unten, in seinem Keller, keine Grenzen gesetzt – den Bewohnern seiner Welt sowieso nicht. Alles verschmilzt: Städte, Länder, Realität und Fantasie, Gegenwart und Vergangenheit. Ein Bewohner kann vom Schloss Elmau ins Kloster Andechs schlendern und dabei den Blick auf Neuschwanstein und das Taj Mahal genießen. Er kann mit einem Passagierdampfer reisen oder das Auto nehmen. Und selbst in die Vergangenheit kommt er mühelos. Denn auch die Nationalsozialisten haben diese Welt nie ganz verlassen, der Weltkrieg ist hier noch nicht zu Ende. Oder er beginnt immer wieder aufs Neue.

Eberhard Lucks’ Welt ist langsam gewachsen – sein ganzes Leben lang. Der Anfang passte in einen Strumpf. Das war 1945, in seiner Heimat Danzig. Er ist gerade sieben, die Familie ist bereits auf der Flucht, das Haus vom Krieg zerstört. Nur sein älterer Bruder Uli ist noch in Danzig. Er kämpft als Soldat, als die russischen Panzer näherrücken. Einmal schafft er es noch in das verlassene Haus. „Das Einzige, was er mitnahm, war ein Strumpf voller Halma-Figuren“, erzählt Lucks. „Seine Lieblingssoldaten.“ Er versteht, warum es für seinen Bruder nichts Wichtigeres gab. „In unserer Familie ist immer leidenschaftlich gern gespielt worden.“ Diesen Strumpf mit den kleinen Figuren hat Eberhard Lucks später von seinem Bruder geschenkt bekommen. Und heute glaubt er, dass sie ihm dabei geholfen haben, zu verarbeiten, was er auf seiner Flucht nach Bayern erlebt hat. Die Bilder vom brennenden Danzig, die er nie vergessen konnte, die Tage in überfüllten Schiffen und Zügen, die ständige Angst, die Angriffe. „Alle haben auf uns geschossen“, sagt er. „Die Amerikaner, die Engländer, die Russen. Keiner hat getroffen.“

In seinem neuen Zuhause, einem Wohnblock in München, beginnt Lucks in den Nachkriegsjahren mit dem Bau seiner Welt. Erst sind da nur die alten Halma-Figuren und jede Menge Fantasie. Dann, als die ersten Spielwarenläden wieder öffnen, kommen kleine Autos dazu. 40 Pfennig das Stück. Lucks muss für jedes einzelne lange sparen. Als er als junger Mann seine spätere Frau Gilla kennenlernt, hat er sich schon einige Bretter mit Landschaften zusammengezimmert, die er unter dem Bett und auf den Schränken aufbewahrt. „Ich hab immer gedacht, das wird er ja wohl irgendwann sein lassen“, sagt sie. „Da hat sie mich ganz schön unterschätzt“, sagt er.

Als ihr erster Sohn auf die Welt kommt und die Wohnung zu klein wird, mietet Lucks ein Gartenhaus – nur für seine Welt. „Ich habe dort ganze Nächte durchgespielt“, erzählt er. Dann können sie sich irgendwann das Haus in Pullach leisten. Und seine Halma-Figuren bekommen ein eigenes Zimmer. „Ich hab mich regelrecht zugebaut“, sagt er heute. „Nie hab ich mich gefragt, wo das alles hinführen soll.“ Seine Frau schmunzelt. Sie sagt: „Alles, was er gemacht hat, hat er immer ein bisschen übertrieben.“ Für die Welt, die im Keller entstanden ist, ist dieser Satz eine maßlose Untertreibung.

Rund 1500 Halma-Bürger bewohnen sie inzwischen, alle von Eberhard Lucks handbemalt. Dazu kommen 5000 Soldaten. Die Marine-Offiziere tragen blaue Uniformen, die Soldaten braune. Rund 5000 Miniaturautos fahren über die Straßen oder parken in den Parkhäusern. Das Militär ist in Jeeps, Panzern oder Kampfflugzeugen unterwegs. „Das hier ist die Welt in meinem Kopf“, sagt er. Sie ist nach und nach in seinen Keller eingezogen.

Es gibt Tage, erzählt Lucks, da steht er morgens auf, trinkt ein Glas Wasser und geht direkt die Treppe nach unten. Und wenn seine Gilla ihn nicht irgendwann rufen würde, würde er die Zeit vergessen. Weil es dort unten für den lieben Gott eben immer etwas zu tun gibt.

In der Mitte des Raums steht ein kleiner Schreibtisch. Dort liegen seine Würfel, seine Farben, der Kleber, die Schere. Hier bastelt und zimmert er neue Facetten für seine Welt. Daneben ein kleines Radio. „Meistens höre ich Nachrichten, wenn ich hier bin.“ Denn die Realität darf ihn hier unten gerne besuchen. Sie hängt sogar an den Wänden über seiner Landschaft: Fotos seiner Kinder, seiner Enkel, von Urlauben mit seiner Gilla, Urkunden und Ansichtskarten. Kaum ein Fleck an den Wänden ist frei geblieben. In 81 Jahren ist es Eberhard Lucks gelungen, viele schöne Erinnerungen zu sammeln. Sie will er immer vor Augen haben, wenn er mit seinen Soldaten spielt.

Sein Bruder Uli hat immer verstanden, was ihn in diese Welt zieht. „Er hat sogar aus der Ferne mitgespielt“, erzählt Lucks. Manchmal per Fax. „Die Nachrichten, die wir uns geschrieben haben, hätte niemand lesen dürfen“, sagt er und lacht. Zum Beispiel: „Die russische Front wackelt“ – und schon ging der Trubel in der Keller-Welt los.

Damit Lucks nicht den Überblick über seine eigene Weltgeschichte verliert, führt er Tagebuch. Alle militärischen Entwicklungen und Veränderungen notiert er dort und dokumentiert sie mit Fotos. Wie es weitergeht, ahnt er selbst noch nicht. Vor einiger Zeit hat er einen Kaiser samt Palast vorbereitet. „Ich bin ja schließlich nicht an die Geschichte gebunden“, sagt er und lacht. Manchmal, so scheint es, weiß selbst der liebe Gott nicht, was seine Halma-Figuren als Nächstes tun werden. „Alle Bürger hier spielen so gerne Golf“, sagt Lucks, als wäre er nicht der Erfinder, sondern nur ein faszinierter Beobachter.

Da gibt es zum Beispiel den Herrn Prohasken. Der reichste Bürger mit den meisten Aktien. Er wohnt in Schloss Elmau, besitzt Neuschwanstein, eine Rennbahn, unzählige Jachten. Seinen Namen hat er von einem Kunden von Lucks’ Vater – sonst hat er mit ihm aber kaum etwas gemein. Hier in der Keller-Welt könnte er eines Tages eine wichtige Rolle spielen. Noch weiß Lucks allerdings nicht, wie sich die Dinge entwickeln. Er ist ja auch grade mit den Friedensverhandlungen beschäftigt.

Besondere Momente sind für ihn die, wenn er Gäste in seiner Welt zu Besuch hat. Es ist fast immer das Gleiche: Er öffnet die Tür – und dann beginnt das hemmungslose Staunen. Einmal hatte er Steuerprüfer im Haus. Ein Irrtum, wie sich schnell herausstellte. Aber als die Beamten in seinem Keller standen, waren sie minutenlang sprachlos. Das ging so weit, dass einige Tage später ihr Vorgesetzter bei Lucks anrief. Um sich für den Irrtum zu entschuldigen – und um ihm zu sagen, dass er die Keller-Welt zu gerne auch gesehen hätte.

Neulich saß Eberhard Lucks in seinem Keller und hat das erste Mal eine Entscheidung ganz ohne Würfel getroffen. Es war wohl die größte Entscheidung, seit er die ersten Halma-Figuren bemalt hat. Er will seine Welt verlassen. Eigentlich möchte er, dass die Welt ihn verlässt. Wie das gehen soll, weiß er selbst nicht genau. Aus seinem Kopf waren die Soldaten schon immer schwer zu vertreiben – aus dem Keller erscheint es ihm fast unmöglich. Alles ist miteinander verbaut. Wenn die Welt das Haus verlassen soll, muss Lucks sie zerlegen in viele Einzelteile. Er weiß nicht, ob das möglich ist, ohne sie zu zerstören. Aber er weiß, dass seine Frau hier unten so gerne einen Yoga-Raum hätte. Und immer häufiger fühlt es sich für ihn so an, als wäre der richtige Zeitpunkt gekommen, um das Spiel seines Lebens zu beenden.

„Ich hatte 40 Jahre lang ein Segelboot“, erzählt er nachdenklich. Unendlich viel Zeit hat er darauf verbracht, die schönsten Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge gesehen – dort war er ganz mit sich im Reinen. Dann wurde er herzkrank. Sein Arzt riet ihm, das Segeln aufzugeben. „Es ist mir so leichtgefallen, das Boot zu verkaufen.“ Verstehen kann er das selbst nicht, erklären schon gar nicht. Er hofft, dass es ihm mit seiner Keller-Welt genauso ergehen könnte. Deshalb hat er einfach eine Kleinanzeige in der Zeitung aufgegeben. Ganz kurz und knapp: „Stadtanlage, selber gebaut, zu verkaufen. Telefon 089/7 93 83 64“. Er musste fast schmunzeln dabei – die paar Zeilen werden seiner Welt natürlich nicht ansatzweise gerecht. „Vermutlich finde ich niemanden, der eine Verwendung dafür hat“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Oder aber es kommt mal wieder ganz anders als gedacht. Vielleicht rückt er näher – der Tag, an dem der Krieg zu Ende geht.

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